Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb aus dem Jahr 2024 sind lediglich rund 16 Prozent der untersuchten Zertifikate tatsächlich mit nachweisbaren CO₂-Einsparungen verbunden, während der überwiegende Teil als „Phantom Credits“ gilt – ohne messbare Klimawirkung. Das Kernproblem liegt bislang in fehlenden einheitlichen internationalen Standards. Dies führt zu Risiken wie Doppelzählungen, mangelnder Zusätzlichkeit – also, wenn ein Klimaschutzprojekt auch ohne die Finanzierung entstanden wäre – und geringer tatsächlicher Klimawirkung.
Um Glaubwürdigkeit sicherzustellen, empfehlen Fachgremien daher die Nutzung hochwertiger, autorisierter Zertifikate wie ITMOs (Internationally Transferred Mitigation Outcomes) oder PACM-Gutschriften.
Artikel 6-Zertifikate: internationaler Qualitätsrahmen
Artikel 6 des Pariser Abkommens schafft einen verbindlichen Rahmen für den internationalen Handel mit Emissionsminderungen. Der sogenannte Paris Agreement Crediting Mechanism (PACM) wird von einem UN-Gremium überwacht und stellt strenge Anforderungen an die Umweltintegrität, Transparenz und Methodik von Emissionsgutschriften.
Zertifikate, die im Rahmen des PACM ausgegeben werden, gelten als hochwertige Zertifikate, da sie nach internationalen Standards geprüft, registriert und überwacht werden. Diese Zertifikate können anschließend gemäß Artikel 6.2 vom Projektland autorisiert oder nicht autorisiert werden:
Autorisierte Gutschriften werden als international übertragbare Minderungsergebnisse bezeichnet. Sie verhindern Doppelzählungen durch bilaterale Abstimmung zwischen Staaten und sind für den Ausgleich von Restemissionen im Rahmen von Netto-Null-Zielen geeignet.
Nicht autorisierte Gutschriften verbleiben im nationalen Emissionsbudget des Projektlandes und können lediglich als Klimaschutzbeitrag ausgewiesen werden.
Zukünftig können qualifizierte freiwillige Projekte in das PACM-System integriert werden, sofern sie die strengen Standards erfüllen. Für freiwillige Käufer bedeutet dies einen entscheidenden Vorteil: Kompensationen basieren dann auf Projekten, die den internationalen Anforderungen entsprechen und somit eine deutlich höhere Glaubwürdigkeit besitzen.
Ergänzend hat die EU mit der Carbon Removals and Carbon Farming Regulation einen freiwilligen Standard für CO₂-Entnahme eingeführt, der klare Anforderungen an Monitoring, Berichterstattung und Prüfung festlegt.
Freiwilliger Markt für CO₂-Zertifikate: neue Rolle für Banken
Der zunehmende Druck zur Erreichung von Netto-Null-Zielen verändert auch die Finanzindustrie. Der freiwillige Markt für CO₂-Zertifikate, insbesondere für autorisierte Artikel-6-Zertifikate, gewinnt an Bedeutung. Diese Gutschriften sind für eine glaubwürdige Kompensation unverzichtbar und bieten regulatorische Sicherheit sowie internationale Anerkennung.
„Artikel-6-Zertifikate ermöglichen Investitionen in hochwertige Klimaschutzprojekte, die regulatorisch abgesichert sind. Sie bieten Banken die Möglichkeit, ESG-Anforderungen zu erfüllen, Klimaziele zu unterstützen und sich frühzeitig in einem wachsenden Markt zu positionieren.“
Lisa Ertl
Für Banken eröffnet die steigende Nachfrage nach hochwertigen CO₂-Zertifikaten mehrere Ansatzpunkte. Neben der Kompensation eigener Restemissionen können sie als Finanzierer von Projekten auftreten, Handelsstrukturen aufbauen oder neue nachhaltige Produkte entwickeln. Damit rücken sie näher an Unternehmen heran, die verlässliche Lösungen für ihre Klimastrategie suchen.
Parallel entstehen weitere Märkte, etwa für Nature Credits zum Schutz der Biodiversität oder Blue Credits zur Erhaltung von Wasser- und Meeresressourcen. Sie zeigen, dass sich Klimaschutz zunehmend zu einem eigenständigen Markt für nachhaltige Finanzierungen entwickelt.
Wer früh investiert und sich als „Transformationsbank“ etabliert, sichert sich First-Mover-Vorteile, erschließt attraktive Renditen und stärkt seine Position als strategischer Partner für Unternehmen und Investoren im globalen Klimafinanzmarkt. Kurz gesagt: Die Finanzindustrie steht vor einer historischen Chance – von der Dekarbonisierung über den Schutz der Natur bis hin zur Sicherung globaler Ressourcen. Jetzt ist der Zeitpunkt, diese Märkte aktiv zu gestalten.
Dieser Text entstand unter Mitwirkung von Jennifer Lorenz.