CO₂-Kompensation: Chancen für Finanzinstitute in einem wachsenden Markt

Wie Banken mit CO₂-Zertifikaten Klimaziele erreichen und neue Märkte erschließen

Keyfacts:

  • Ohne dauerhafte CO₂-Entnahme lassen sich Netto-Null-Ziele nicht erreichen
  • Die EU erlaubt ihren Mitgliedstaaten ab 2036 begrenzt den Einsatz hochwertiger internationaler CO₂-Zertifikate
  • Für Finanzinstitute entstehen neue Rollen als Käufer, Finanzierer und Intermediäre hochwertiger Zertifikate

Ambitionierte Klimaziele bleiben ein zentraler Hebel für die Eindämmung des Klimawandels. Im Dezember 2025 hat die Europäische Union im Trilogverfahren eine vorläufige politische Einigung zur Änderung des europäischen Klimagesetzes erzielt. Kernpunkt ist ein neues verbindliches Zwischenziel für 2040: Die Netto-Treibhausgasemissionen sollen um 90 Prozent gegenüber 1990 sinken.

Erstmals ist vorgesehen, dass ab 2036 ein begrenzter Anteil der Emissionsminderungen in Höhe von fünf Prozent über hochwertige internationale CO₂-Zertifikate erbracht werden darf. Damit schafft die EU nicht nur eine Nachfrage nach Technologien zur dauerhaften CO₂-Entnahme, sondern auch Möglichkeiten zum Ausgleich von Restemissionen bei ambitionierten Netto-Null-Zielen von Unternehmen und Finanzinstituten.

Qualität wird zum entscheidenden Faktor

Der Einsatz von CO2-Zertifikaten ist bislang jedoch mit erheblichen Reputationsschäden verbunden. Minderwertige Zertifikate können nicht nur Greenwashing-Vorwürfe nach sich ziehen, sondern auch die Glaubwürdigkeit ganzer Klimastrategien gefährden.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Zertifikaten mit nachgewiesener Klimawirkung. Diese sind deutlich teurer, da sie strenge Anforderungen an Messbarkeit, Dauerhaftigkeit und Vermeidung von Doppelzählungen erfüllen müssen. Der Markt differenziert sich damit zunehmend nach Qualität.

CO-Entnahme ist für Netto-Null unverzichtbar

(Finanz-)Unternehmen mit Netto-Null-Zielen stehen vor einem strukturellen Problem: Bestimmte Emissionen lassen sich auch langfristig nicht vollständig vermeiden. Dazu zählen etwa Emissionen aus Lieferketten, Geschäftsreisen oder dem Betrieb von IT-Infrastruktur.

Ohne zusätzliche CO₂-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) lassen sich diese Restemissionen bilanziell nicht ausgleichen. Die dauerhafte CO₂-Entnahme ist daher ein notwendiger Bestandteil glaubwürdiger Netto-Null-Strategien.

Was sind CO₂-Zertifikate und CO₂-Kompensation?

CO₂-Zertifikate („Carbon Credits“) sind digitale Nachweise, die belegen, dass durch ein geprüftes Klima- oder Umweltprojekt eine bestimmte Menge Treibhausgase vermieden, reduziert oder dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt wurde. Ein Zertifikat entspricht in der Regel einer Tonne CO₂-Äquivalent.

Der Kauf dieser Zertifikate dient der CO-Kompensation („Offsetting“). Dabei werden eigene, derzeit unvermeidbare Emissionen ausgeglichen, indem ein Projekt an anderer Stelle messbare Klimawirkung erzielt. Grundsätzlich lassen sich drei Formen unterscheiden:

  • Vermeidungszertifikate (Avoidance): Finanzierung von Projekten, die verhindern, dass Emissionen entstehen (zum Beispiel Schutz von Regenwäldern)
  • Reduktionszertifikate (Reduction): Unterstützung von Projekten, die bestehende oder zukünftige Emissionen senken (zum Beispiel Energieeffizienzmaßnahmen)
  • Entnahmezertifikate (Carbon Dioxide Removal, CDR): Finanzierung von Projekten, die CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernen und langfristig speichern (zum Beispiel CO₂-Verpressung in porösen Gesteinsschichten)

Der freiwillige Markt für CO-Zertifikate im Umbruch

Der Handel mit CO₂-Zertifikaten erfolgt überwiegend auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt. Die Preise variieren stark und werden von Faktoren wie Technologie, Projektgröße, Standort und Marktdynamik beeinflusst.

Naturbasierte Lösungen wie Aufforstung sind häufig kostenintensiv, da sie eine komplexe Planung, kontinuierliches Monitoring und langfristige Pflege erfordern. Technologische Ansätze für dauerhafte CO₂-Entnahme, etwa das sogenannte Direct Air Capture, gehören derzeit zu den teuersten Optionen, da sie sich noch in einer frühen, kapitalintensiven Entwicklungsphase befinden.

Hinzu kommt die Dynamik von Angebot und Nachfrage: Mit steigenden Netto-Null-Verpflichtungen, begrenztem Angebot und hohen Kosten für hochwertige und dauerhafte Removal-Projekte ist bis 2030 ein deutlicher Preisanstieg für qualitativ hochwertige CO₂-Entnahmezertifikate zu erwarten. Der Markt entwickelt sich damit von einfachen Kompensationslösungen hin zu anspruchsvollen, langfristig wirksamen Projekten mit hoher Integrität, was Finanzakteure vor neue Anforderungen an Transparenz, Glaubwürdigkeit und Zahlungsbereitschaft stellt.

Glaubwürdigkeit von CO-Zertifikaten unter Druck

Die neuen EU-Klimaziele stoßen unter anderem wegen der vorgesehenen Nutzung internationaler CO₂-Kompensation („Offsets“) auf Kritik. Im Zentrum dieser Debatte steht die Gefahr von Greenwashing und die mangelnde Integrität vieler Kompensationsprojekte.

Greenwashing-Risiken verhindern

Die Reform der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) ist auf dem Weg: Ein neues Produktregime ersetzt die Artikel-8/9-Systematik durch drei verbindliche Kategorien und soll Greenwashing-Risiken verringern.

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Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb aus dem Jahr 2024 sind lediglich rund 16 Prozent der untersuchten Zertifikate tatsächlich mit nachweisbaren CO₂-Einsparungen verbunden, während der überwiegende Teil als „Phantom Credits“ gilt – ohne messbare Klimawirkung. Das Kernproblem liegt bislang in fehlenden einheitlichen internationalen Standards. Dies führt zu Risiken wie Doppelzählungen, mangelnder Zusätzlichkeit – also, wenn ein Klimaschutzprojekt auch ohne die Finanzierung entstanden wäre – und geringer tatsächlicher Klimawirkung.

Um Glaubwürdigkeit sicherzustellen, empfehlen Fachgremien daher die Nutzung hochwertiger, autorisierter Zertifikate wie ITMOs (Internationally Transferred Mitigation Outcomes) oder PACM-Gutschriften.

Artikel 6-Zertifikate: internationaler Qualitätsrahmen

Artikel 6 des Pariser Abkommens schafft einen verbindlichen Rahmen für den internationalen Handel mit Emissionsminderungen. Der sogenannte Paris Agreement Crediting Mechanism (PACM) wird von einem UN-Gremium überwacht und stellt strenge Anforderungen an die Umweltintegrität, Transparenz und Methodik von Emissionsgutschriften.

Zertifikate, die im Rahmen des PACM ausgegeben werden, gelten als hochwertige Zertifikate, da sie nach internationalen Standards geprüft, registriert und überwacht werden. Diese Zertifikate können anschließend gemäß Artikel 6.2 vom Projektland autorisiert oder nicht autorisiert werden:

Autorisierte Gutschriften werden als international übertragbare Minderungsergebnisse bezeichnet. Sie verhindern Doppelzählungen durch bilaterale Abstimmung zwischen Staaten und sind für den Ausgleich von Restemissionen im Rahmen von Netto-Null-Zielen geeignet.

Nicht autorisierte Gutschriften verbleiben im nationalen Emissionsbudget des Projektlandes und können lediglich als Klimaschutzbeitrag ausgewiesen werden.

Zukünftig können qualifizierte freiwillige Projekte in das PACM-System integriert werden, sofern sie die strengen Standards erfüllen. Für freiwillige Käufer bedeutet dies einen entscheidenden Vorteil: Kompensationen basieren dann auf Projekten, die den internationalen Anforderungen entsprechen und somit eine deutlich höhere Glaubwürdigkeit besitzen.

Ergänzend hat die EU mit der Carbon Removals and Carbon Farming Regulation einen freiwilligen Standard für CO₂-Entnahme eingeführt, der klare Anforderungen an Monitoring, Berichterstattung und Prüfung festlegt.

Freiwilliger Markt für CO-Zertifikate: neue Rolle für Banken

Der zunehmende Druck zur Erreichung von Netto-Null-Zielen verändert auch die Finanzindustrie. Der freiwillige Markt für CO₂-Zertifikate, insbesondere für autorisierte Artikel-6-Zertifikate, gewinnt an Bedeutung. Diese Gutschriften sind für eine glaubwürdige Kompensation unverzichtbar und bieten regulatorische Sicherheit sowie internationale Anerkennung.

„Artikel-6-Zertifikate ermöglichen Investitionen in hochwertige Klimaschutzprojekte, die regulatorisch abgesichert sind. Sie bieten Banken die Möglichkeit, ESG-Anforderungen zu erfüllen, Klimaziele zu unterstützen und sich frühzeitig in einem wachsenden Markt zu positionieren.“
Lisa Ertl

Für Banken eröffnet die steigende Nachfrage nach hochwertigen CO₂-Zertifikaten mehrere Ansatzpunkte. Neben der Kompensation eigener Restemissionen können sie als Finanzierer von Projekten auftreten, Handelsstrukturen aufbauen oder neue nachhaltige Produkte entwickeln. Damit rücken sie näher an Unternehmen heran, die verlässliche Lösungen für ihre Klimastrategie suchen.

Parallel entstehen weitere Märkte, etwa für Nature Credits zum Schutz der Biodiversität oder Blue Credits zur Erhaltung von Wasser- und Meeresressourcen. Sie zeigen, dass sich Klimaschutz zunehmend zu einem eigenständigen Markt für nachhaltige Finanzierungen entwickelt.

Wer früh investiert und sich als „Transformationsbank“ etabliert, sichert sich First-Mover-Vorteile, erschließt attraktive Renditen und stärkt seine Position als strategischer Partner für Unternehmen und Investoren im globalen Klimafinanzmarkt. Kurz gesagt: Die Finanzindustrie steht vor einer historischen Chance – von der Dekarbonisierung über den Schutz der Natur bis hin zur Sicherung globaler Ressourcen. Jetzt ist der Zeitpunkt, diese Märkte aktiv zu gestalten.

Dieser Text entstand unter Mitwirkung von Jennifer Lorenz.