Lieferketten im geopolitischen Umfeld: Eine Navigationshilfe für Banken

Über die Analyse von Abhängigkeiten und Risiken zur vorausschauenden Portfoliosteuerung

Keyfacts:

  • Politische Spannungen, Handelskonflikte und Energiepreisanstiege markieren einen Paradigmenwechsel im Risikomanagement von Banken.
  • Wer Lieferkettenabhängigkeiten vorausschauend analysiert, erkennt Verwundbarkeiten in seinem Kreditportfolio frühzeitig.
  • Das macht die Lieferkettenanalyse zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Managements geopolitischer Risiken.

Die geopolitische Weltlage verändert sich schneller, als viele Geschäftsmodelle reagieren können. Für Banken bedeutet das einen Paradigmenwechsel im Risikomanagement: Resilienz entscheidet sich zunehmend in den Lieferketten ihrer Kunden.

Globale Wertschöpfungsnetze stehen unter anhaltendem Druck und sehen sich durch Handelskonflikte, Energiepreisanstiege und politische Spannungen belastet. Das macht Lieferketten zu einem strategischen Risikotreiber für Banken und andere Finanzinstitute. 

Eine Welt im geopolitischen Dauerstress: Die Auswirkungen für Banken

Im aktuellen Umfeld stoßen vergangenheitsorientierte Risikomodelle zunehmend an ihre Grenzen. Viele wesentliche Risikotreiber für Banken entstehen heute aus komplexen, eng miteinander verknüpften Abhängigkeiten, die sich mit klassischen Risikokategorien nur unzureichend erfassen lassen. 

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Besonders entlang globaler Lieferketten – etwa bei kritischen Rohstoffen, technologischen Schlüsselkomponenten oder geopolitisch bedingten Handels und Sanktionsregimen – entfalten sich Risiken häufig indirekt und nichtlinear. Der jüngste Krieg im Nahen Osten – mit der Blockade der Straße von Hormus, Angriffen auf die Energie und Transportinfrastruktur und sprunghaften Preisreaktionen – hat erneut verdeutlicht, wie eng geopolitische Ereignisse und wirtschaftliche Stabilität miteinander verwoben sind.

Lieferkettenanalysen machen diese Abhängigkeiten systematisch sichtbar und ermöglichen es Banken, über direkte Kreditexposures hinaus auch strukturelle Verwundbarkeiten im Portfolio frühzeitig zu erkennen. Damit schaffen sie eine zentrale Voraussetzung für eine vorausschauende Portfoliosteuerung im Sinne eines modernen EmergingRiskManagements von Banken – insbesondere in Krisensituationen. 

Lieferketten: der zentrale Übertragungskanal geopolitischer Risiken für Banken 

Geopolitische Krisen treffen europäische Banken auf vielfältige Weise. Zum einen sind Banken unmittelbar über die geänderte Nachfrage nach Bankprodukten der Unternehmen betroffen. Zum anderen materialisieren sie sich mittelbar über die Kundenportfolien im Kreditbuch, denn geopolitische Spannungen wirken auf die Wertschöpfung der Unternehmen.  

Werden Regionen unzugänglich, kritische Ressourcen knapp oder Transportwege gestört, geraten Geschäftsmodelle der Kontrahenten im Portfolio unter Druck. Diese Effekte wirken häufig gleichzeitig auf ganze Sektoren und entfalten ihre Wirkung in kurzer Zeit.

Für Firmenkunden von Banken hat das folgende Auswirkungen:

  • Produktionsfähigkeit und Lieferzuverlässigkeit belasten Kostenstrukturen und Margen. 
  • Cashflows verschlechtern sich, Investitionen werden zurückgestellt. 
  • Sicherheiten verlieren an Wert, und die Kreditwürdigkeit verschlechtert sich.  

Was als geopolitisches Ereignis beginnt, wirkt also entlang der Lieferkette auf die wirtschaftliche Stabilität der Unternehmen – und schlägt schließlich direkt auf die Risikoposition der Bank durch. 

Deshalb gewinnt die Analyse von Lieferketten auch für Banken an Bedeutung. Sie machen sichtbar, wo geopolitische Risiken entstehen können, lange bevor sie sich in Kennzahlen, Marktbewegungen oder konkreten Ausfällen niederschlagen. Für Banken ist es also entscheidend, die Ursachen geopolitischer Risiken im Portfolio vorausschauend zu verstehen und frühzeitig aktiv zu steuern. 

Zusammenfassend zeigt eine Analyse von Lieferketten also zielgerichtet, wo Abhängigkeiten bestehen, wo sich Risiken im Portfolio konzentrieren und unter welchen Bedingungen geopolitische Spannungen von einer latenten Verwundbarkeit in reale Belastungen umschlagen. 

Von Transparenz zu Resilienz: Was Banken jetzt tun sollten 

Für Banken ist daher klar: Resilienz beginnt mit Transparenz. Nur wer systematisch versteht, wo und wie das eigene Portfolio von geopolitisch relevanten Regionen und Ressourcen abhängt, kann Risiken fundiert einordnen, priorisieren und vor allem in geopolitischen Ausnahmesituationen auch steuern. 

Diese Transparenz lässt sich durch einen mehrstufigen Analyseansatz herstellen, der von einer übergreifenden Portfoliosicht schrittweise zur vertieften Betrachtung einzelner Kontrahenten führt. Ausgangspunkt ist dabei eine strukturierte Analyse des Kreditportfolios mithilfe des KPMGLieferkettenScreeningPrototyps. 

Lieferketten-Screening: Drei Schritte zur Analyse der Lieferketten

Quelle: KPMG in Deutschland 2026 

Der unmittelbare Mehrwert für Banken liegt dabei insbesondere in 

  • der Identifikation struktureller Abhängigkeiten im Portfolio, 
  • der Einordnung sektoraler Sensitivitäten gegenüber geopolitischen Risiken, 
  • dem frühen Erkennen geopolitisch relevanter Regionen 
  • sowie einer belastbaren Grundlage für gezielte Szenarioanalysen und MikroStresstests. 

Mit dem Wissen über Lieferkettenabhängigkeiten geopolitische Unsicherheit besser managen 

Geopolitische Unsicherheit lässt sich nicht auflösen. Sie lässt sich aber strukturieren, bewerten und steuern. Eine systematische Transparenz über Lieferkettenabhängigkeiten ermöglicht es Banken, konkrete Steuerungsimpulse abzuleiten, insbesondere für: 

  • die Ausrichtung des Portfolios entlang identifizierter Verwundbarkeiten – etwa über Anpassungen im Risk Appetite Framework sowie differenzierte Länder und Sektorlimite 
  • das frühzeitige Erkennen geopolitischer Risiken auf der Ebene von Einzelengagements, um betroffene Engagements proaktiv zu steuern, beispielsweise durch Anpassungen von Sicherheiten oder die engere Begleitung der Kunden 
  • die schnelle Reaktionsfähigkeit im Stressfall, indem identifizierte Abhängigkeiten in geopolitische Szenarien überführt und finanzielle Auswirkungen etwa mittels MikroStresstests oder PostModelAdjustments berücksichtigt werden 

Damit lässt sich Geopolitik als Risikofaktor in der bankinternen Steuerung integrieren. Das Ziel lautet, auf diese Weise den Umgang mit geopolitischer Unsicherheit zu professionalisieren und Entscheidungsfähigkeit auch unter sich ändernden Rahmenbedingungen zu stärken.