Transitionspläne für Naturrisiken
Wie Finanzinstitute Naturrisiken strategisch steuern – von TNFD bis EBA
Keyfacts:
- Naturrisiken entwickeln sich zu einem zentralen Risikotreiber für den Finanzsektor.
- EBA-Leitlinien, CSRD und TNFD erhöhen die Erwartungen an eine systematische Steuerung naturbezogener Risiken.
- Erfolgreiche Transitionspläne für Naturrisiken übersetzen globale Zielbilder in bankfähige Steuerungsgrößen und schaffen parallel die Datenbasis, um Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Invasive Arten, Waldsterben, Trinkwasserknappheit oder Biodiversitätsverlust: Die Natur auf unserem Planeten – und damit unsere Lebensgrundlage – steht kurz vor einem Kipppunkt. Dass der Verlust von Natur und Ökosystemen gravierende, irreversible Folgen für Mensch und Wirtschaft hat, stellen auch Finanzinstitute zunehmend fest.
Regulatorische Initiativen wie die EBA-Leitlinien zu ESG-Risiken, die CSRD sowie die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) erhöhen den Druck: Sie erwarten, dass Institute naturbezogene Risiken systematisch identifizieren, bewerten und steuern.
Während viele Finanzinstitute bereits ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen auf die Natur analysieren, bleibt eine entscheidende Frage oft unbeantwortet: Wie gelingt die strategische Steuerung der Nature-Transition?
Genau hier setzen Transitionspläne für Naturrisiken an. Sie übersetzen globale Zielbilder – etwa aus dem Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework – in konkrete Ziele, Maßnahmen und Steuerungsgrößen für Finanzinstitute.
Naturrisiken werden zum Risikotreiber, aber die Vorbereitung hinkt hinterher
Mehr als die Hälfte aller Finanzinstitute berücksichtigen in ihrer Materialitätsanalyse mittlerweile nicht nur Klima- sondern auch Naturrisiken, zeigt die KPMG ESG Risk Survey 2025. Die Methodik steckt allerdings meist noch in den Kinderschuhen: Die Bewertungen stützen sich überwiegend auf sektorspezifische Daten, die den nuancierten, sehr lokalen Auswirkungen von Naturrisiken in verschiedenen geografischen Kontexten kaum gerecht werden können. Während Vorreiter sich bereits auf die Abbildung von Naturrisiken in Stresstests vorbereiten, verwenden 75% der Institute bisher noch keine standortbezogenen Naturrisiko-Daten in ihren Analysen. Doch schon jetzt zeigt sich: Besonders Wasserqualität, Wasserknappheit und die Nutzung von Flächen stellen für viele Institute wesentliche Naturrisiken dar.
EBA-Transitionspläne: Banken zwischen ESG-Strategie- und Risikomanagement im Überblick
Unser Whitepaper analysiert die neuen regulatorischen Vorgaben der EBA und zeigt Handlungsfelder für Finanzinstitute auf.
Studie herunterladenStrategien zum Umgang mit Naturrisiken lassen in den Instituten auf sich warten. Erst ein Drittel plant bereits die Entwicklung eines Transitionsplans mit Bezug zu Naturrisiken. Dabei stellt sich mehr denn ja die Frage: Wie sichert eine Bank ihren Geschäftserfolg in Vorbereitung auf die unabdingbaren Veränderungen in unseren ökologischen und wirtschaftlichen Systemen? Wie wird sichergestellt, dass das Institut weiter floriert, wenn wichtige Funktionen der Natur geschützt werden?
Regulatorische Anforderungen steigen: EBA, CSRD und TNFD
Spätestens das Erscheinen der finalen EBA-Leitlinien zum Management von ESG-Risiken hat klar gemacht: Naturrisiken müssen identifiziert, beobachtet und gesteuert werden. Neben einer sektoralen Analyse, die auch Lieferketten betrachtet, und einer standortbasierten Analyse sollen Institute auch Transitionspläne für wesentliche naturbezogene Risikotreiber entwickeln – und zwar nach denselben Grundsätzen wie bei Klima-Transitionsplänen.
Auch die finalen Leitlinien zu ESG-Szenarioanalysen rücken Naturrisiken stärker in den Fokus und fordern, dass Institute die langfristige Resilienz ihres Geschäftsmodells gegenüber diesen Risiken sicherstellen.
In dieselbe Richtung weist die Taskforce on Nature-related financial disclosures (TNFD). Sie formuliert klare Anforderungen an Natur-Transitionspläne mit der Botschaft: Klimawandel ist nur einer der großen Treiber im Risikofeld Naturverlust. Die TNFD erwartet, dass Banken analysieren, welche Auswirkungen die Transition zu einer natur-schonenden Wirtschaft auf ihr Geschäftsmodell hat und sich für diese zu wappnen.
Das Kunming‑Montreal Biodiversity Framework: Globale Ziele für den Umgang mit Naturrisiken
Eine zentrale Leitplanke für die Natur-Transition ist das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF), das 2022 auf der COP15 verabschiedet wurde. Sie ist eine international anerkannte Strategie, um den Verlust von Natur und Biodiversität zu stoppen. Die GBF verfolgt die Vision eines Lebens in Einklang mit der Natur und definiert 23 konkrete Ziele bis 2030, von denen viele für Banken besonders relevant sind. Dazu zählen vor allem:
- der Schutz von mindestens 30 % aller Meere, Landflächen und Gewässer („30/30-Ziel“),
- der Erhalt und die Wiederherstellung zentraler Ökosystemleistungen wie sauberes Wasser, saubere Luft, Klimaregulierung, Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit und Schutz vor Naturgefahren,
- die Beurteilung, Offenlegung und Reduktion von Naturrisiken und negativen Auswirkungen durch Unternehmen.
Zur Umsetzung dieser Ziele hat die Bundesregierung 2024 die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt 2030 (NBS 2030) verabschiedet. Diese sieht neben dem Artenschutz und der Wiederherstellung von Ökosystemen auch Entwicklungen in verschiedenen Wirtschaftssektoren vor. Unternehmen und insbesondere der Finanzsektor sollen einen massiven Beitrag zur Erreichung der ambitionierten Ziele leisten, etwa durch mehr Transparenz darüber, wie Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen zum Verlust von Biodiversität beitragen.

An politischen Vorgaben orientieren, eigene Ziele setzen
Institute müssen verstehen, was die im GBF beschlossene Transition für ihr Geschäftsmodell, ihr Portfolio und ihre Standorte bedeutet. Die Übersetzung der GBF-Transition in eigene Ziele und Maßnahmen ist der Knackpunkt der Natur-Transitionsplanung für jede Bank. Eine fundierte Geschäftsumfeld- und Resilienzanalyse, wie in der EBA-Guideline zu Umwelt-Szenarioanalysen gefordert, bilden dafür eine solide Basis. Unterstützung bei der Zielsetzung bieten zudem Initiativen wie das Science-based Target Network (SBTN).
Ein Beispiel ist das 30/30-Ziel zur Flächennutzung: Für eine Bank kann dies weniger Konversion von Fläche natürlicher Ökosysteme bedeuten, etwa durch die Finanzierung flächenintensiver Bauvorhaben in kritischen Gebieten – so wird die jährlich finanzierte Flächenkonversion pro finanzierter Million Euro zum Indikator. Für diese Flächenverbrauchsintensität muss dann ein möglichst GBF-konformer Absenkpfad festgelegt und dieser mittels geeigneter Maßnahmen verfolgt werden. Einen Anhaltspunkt dafür bietet die Inititative Inevitable Policy Response mit lokal differenzierten Projektionen zu geschützter Landfläche.
Ähnlich lässt sich auch der Risikotreiber Wasserverschmutzung steuern. So kann geprüft werden, ob Kreditnehmer die Grenzwerte der Wasserrahmenrichtlinie für Schadstoffe wie Blei oder Nitrat etc. im Grundwasser einhalten. Unter Beachtung der GBF-Ziele sowie der Erwartung, wie Wettbewerber mit dem Risiko umgehen, setzt ein Institut sich eine Ambition für den Indikator und definiert einen Zielpfad. Dieser wird dann durch konkrete Maßnahmen umgesetzt und regelmäßig überprüft, um sicherzustellen, dass das Institut auf Kurs bleibt.
Simultaner Datenaufbau beschleunigt die Transitionsplan-Entwicklung
Für die Beurteilung sind granulare Daten zu Flächennutzung und Immissionseigenheiten der Kreditnehmer erforderlich. Hier bestehen in der Praxis oft große Lücken. Ein pragmatischer Ansatz ist es daher, GBF-Ziele mit Bezug zur Offenlegung relevanter Informationen in den Transitionsplan aufzunehmen. GBF-Target Nummer 15 zielt darauf ab, dass Unternehmen ihre Auswirkungen und Abhängigkeiten zur Natur beurteilen, offenlegen und verbessern. Demnach kann der Anteil an Kreditnehmern, welcher diesem Ziel bereits gerecht wird, im ersten Schritt als Metrik adaptiert werden.
Transitionspläne sehen darüber hinaus eine Engagement-Strategie vor, die darauf abzielt mit Kreditnehmern in den Dialog zu gehen, um genau diese Daten einzuholen. So kann rechtzeitig bis 2030 eine gute Datenqualität zur Messbarkeit und Steuerung von Naturrisiken erreicht werden. Keine Daten zu nutzen ist keine Option – für vorübergehende Datenlücken bedarf es Übergangslösungen mit Schätzungen und Proxydaten. Öffentlich verfügbare Datensätze, beispielsweise Wasser- oder Ressourcenverbräuche nach Standorten, können ein praktikabler Startpunkt sein.
Vorreiter zeigen, wie Transitionspläne aussehen können
Einige Unternehmen haben bereits Natur-Transitionspläne veröffentlicht und die Umsetzung längst gestartet. So gibt beispielsweise L’oréal an, bis 2030 95 Prozent seiner Inhaltsstoffe biobasiert, aus reichlich verfügbaren Mineralien oder zirkulären Prozessen beziehen zu wollen. Vattenfall konzentriert sich auf Risiken aus Landnutzung, sowie Auswirkungen auf Lebensräume und bedrohte Arten. Und integriert Biodiversität stärker in den Einkaufsprozess oder die Planung von On- und Offshore-Windparks. Der finnische Energieproduzent Fortum setzt sich zum Ziel, bis 2030 keinen weiteren Biodiversitätsverlust zu finanzieren und investiert dafür unter anderem in die Weiterentwicklung von Messverfahren für aquatische Biodiversität.
Naturrisiken steuern, Resilienz erhöhen und Wettbewerbsvorteile sichern
Ein Blick in den Markt zeigt, dass Naturrisiko-Transitionspläne in den nächsten Jahren unverzichtbar bestehende Instrumente ergänzen werden. Dabei umfassen sie vom Artensterben über den Verlust natürlicher Bodenstabilisierung eine große Bandbreite verschiedener Risiken, die oft zusammenwirken, in Wechselwirkung mit Klimarisiken stehen und zusätzlich durch eine geringe Datenverfügbarkeit geprägt sind.
Es empfiehlt sich, im eigenen Portfolio mit den meist wesentlichen Risikotreibern zu beginnen: Wassernutzung, Flächennutzung, sowie Wasserschadstoff-Emissionen. Schrittweise sollte außerdem eine solide Datenbasis geschaffen und ein Transitionspfad definiert werden, um diese Risiken dann wirksam zu steuern. Durch die immense Stärkung der Resilienz mit einem gut ausgearbeiteten Transitionsplan können Institute sich so einen Wettbewerbsvorteil in der Finanzwelt von morgen sichern.
FAQ: Transitionspläne für Naturrisiken in Finanzinstituten
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Was ist ein Transitionsplan für Naturrisiken?
Ein Transitionsplan für Naturrisiken definiert, wie ein Finanzinstitut mit wesentlichen Naturrisiken im eigenen Portfolio umgeht. Vor dem Hintergrund des Übergangs hin zu einer umweltfreundlicheren Wirtschaft wird damit die Resilienz des Geschäftsmodells gesichert. Er übersetzt globale Leitplanken wie das GBF in konkrete Steuerungsgrößen.
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Welche Anforderungen kommen aus EBA‑Leitlinien, CSRD und TNFD konkret auf Unternehmen zu?
Der gemeinsame Kern ist: identifizieren, bewerten, steuern und transparent machen. Die EBA betont unter anderem die Kombination aus sektoraler und standortbasierter Analyse einschließlich Lieferketten sowie die Erwartung von Transitionsplänen für wesentliche naturbezogene Risikotreiber. TNFD adressiert explizit die Auswirkungen der Nature‑Transition auf Geschäftsmodell und Strategie.
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Wo sollten Institute starten?
Pragmatischer Startpunkt ist eine fundierte Wesentlichkeitsanalyse. Darin werden häufig wesentliche Risiken in Bezug auf Wasser (Qualität, Knappheit, Verschmutzung) und Fläche (Flächennutzung/Flächenkonversion) identifiziert. Für diese müssen zunächst Daten beschafft werden, dann werden Zielpfade, Metriken und Maßnahmen definiert.
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Was tun bei fehlenden standortbezogenen Naturrisiko‑Daten?
„Keine Daten“ ist keine Option: Proxy‑Daten und Schätzungen können als Übergangslösung genutzt werden. Ein Startpunkt sind auch öffentlich verfügbare Datensätze. Parallel sollte eine Datenstrategie aufgebaut werden.
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Wie unterscheidet sich Natur-Transitionspläne von Klima-Transitionsplänen?
Natur hat mehrere parallele Ziele, viele Metriken (nicht eine CO₂‑Kernmetrik) und erfordert häufig institutsspezifische Pfade, weil Standard‑Transitionspfade weniger etabliert sind und Daten granularer/örtlicher gebraucht werden.
Dieser Text entstand unter Mitarbeit von Anna Truckenbrodt.