Das S in ESG – und warum das Thema mehr Aufmerksamkeit braucht

Sozial nachhaltiges Handeln sichert Vorteile bei Produkten und punktet bei Mitarbeitenden.

Keyfacts:

  • Diversitäts- und Menschenrechtsdebatten zeigen Unternehmen: Soziale Nachhaltigkeit gewinnt rasant an Bedeutung.
  • Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und strengere Berichtsvorgaben verpflichten Unternehmen außerdem zu einer intensiveren Befassung mit sozialen Fragestellungen und werden zunehmend konkret.
  • Wer vorausschauend handelt, gewinnt Wettbewerbsvorteile bei der Produktentwicklung oder im Werben um neue Mitarbeitende.

Es hatte weltweit begrüßenswerte Fortschritte beim Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDG) gegeben. Doch die Corona-Pandemie machte vieles wieder zunichte. Sie stürzte außerdem schätzungsweise rund 100 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut.

Ein Schlaglicht warf auch die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar auf das Thema soziale Nachhaltigkeit: Diversität, Arbeitsbedingungen und Menschenrechte standen wochenlang ganz oben auf der Agenda und veranlassten Unternehmen zu der Kündigung von millionenschweren Partnerschaften.

Die Erwartungen an Unternehmen, sich intensiver mit sozialer Nachhaltigkeit zu befassen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten, nehmen zu – nicht nur durch öffentliche Diskussionen, sondern auch durch regulatorische Anforderungen. Neben sozialer Ungleichheit und Vielfalt werden unter dem Begriff der sozialen Nachhaltigkeit dabei auch bezahlbares Wohnen, Arbeitssicherheit oder Bildungsangebote verstanden.

Regulatorische Instrumente sollen sozial nachhaltiges Wirtschaften fördern

Regulatorische Mittel sollen die Unternehmen dabei unterstützen: Analog zur 2022 in Kraft getretenen Umwelt-Taxonomie (E-Taxonomie) plant die Europäische Union (EU) perspektivisch die Einführung einer Sozialtaxonomie (S-Taxonomie). Ziel ist, ein allgemeingültiges Verständnis sozialförderlicher Aktivitäten zu erreichen und insbesondere Finanzströme demgemäß zu lenken. Menschenwürdige Arbeit, angemessener Lebensstandard und Wohlbefinden sowie integrative und nachhaltige Gemeinschaften und Gesellschaften sollen so in den Vordergrund der wirtschaftlichen Aktivitäten gestellt werden.

Die Einführung der S-Taxonomie durch die EU wurde vorerst verschoben. Die Aufsicht war aber nicht untätig und hat explizite Regeln des sozialen Handelns und der Auseinandersetzung aufgestellt:

  • Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) werden ab 2024 die nicht finanziellen Berichtspflichten innerhalb der EU schrittweise massiv ausgeweitet – von derzeit 11.600 auf rund 49.000 Unternehmen. Im sozialen Kontext der Nachhaltigkeitsberichtserstattung sollen etwa weitreichende Angaben zur Vielfalt, Achtung von Menschenrechten sowie Informationen zu Arbeitsbedingungen offengelegt werden.
  • Mit der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) nimmt die EU ausdrücklich Finanzinstitute als Kapitalgeber in die Pflicht und plant, Unternehmen zu strengeren Sorgfaltspflichten zu veranlassen: Sie sollen zu verantwortungsvollem Wirtschaften verpflichtet werden und nachteiligen Auswirkungen (Adverse Impacts) auf die Gesellschaft innerhalb ihrer Wertschöpfungskette entgegenwirken.
  • Mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) ist seit Anfang 2023 ein vergleichbares Dekret in Deutschland in Kraft. Es verpflichtet zunächst große Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeiter:innen zur Umsetzung einiger Sorgfaltspflichten in ihrem eigenen Geschäftsbereich sowie entlang ihrer Lieferketten. Bei Finanzdienstleistern erstrecken sich die darin angekündigten avisierten Sorgfaltspflichten aktuell jedoch nicht auf Kredit- und Bankgeschäfte – ein Umstand, der innerhalb des europäischen Pendants (CSDDD) anders gehandhabt werden soll.

Finanzunternehmen bieten sich diverse Wege zum Umgang mit Sozialaspekten

Um den wachsenden Anforderungen frühzeitig zu begegnen, bedienen sich Finanzinstitute insbesondere an international anerkannten Rahmenwerken und verankern deren Grundsätze in die eigenen Geschäftsaktivitäten. Mitgliedschaften beim UN Global Compact, Selbstverpflichtungen zu den Principles of Responsible Banking (PRBs) oder eine generelle Tätigkeitsausrichtung an den Sustainable Development Goals (SDGs) sind erste Beispiele, mit denen sich Finanzdienstleister sozialverantwortlichem Handeln nähern können.

ESG-Frameworks schaffen Orientierung nach innen und Transparenz nach außen

Sozialaspekte sind nicht nur auf regulatorischer und selbstverpflichtender Ebene relevant. Gerade aus Risikoperspektive sind sogenannte Adverse Social Impacts – also nachteilige soziale Auswirkungen – zunehmend bedeutend. Der Umgang mit Sozialrisiken wird von aufsichtsrechtlicher Seite bereits adressiert: Die EZB sowie weitere Aufsichtsbehörden forcieren seit geraumer Zeit den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken. Eigene ESG-Regelwerke (Sustainable Finance Frameworks), in denen beispielsweise Ausschlusskriterien für Geschäftsbeziehungen definiert werden, können als klar formulierte Unternehmensleitfäden dienen und somit ein konsistentes Handeln quer durch die gesamte Organisation sicherstellen. Auch potenzielle Reputationsschäden, wie etwa Green- und Bluewashing-Vorwürfe, können so verhindert werden. Ein Framework mit eigenen Nachhaltigkeitszielen kann auch Wirkung nach außen entfalten: In dem es den eigenen Umgang mit sozialen Aspekten öffentlichkeitswirksam darstellt, verhilft es dem Institut, sich als Ansprechpartner für sozial nachhaltige Finanzprodukte zu etablieren.

Nachhaltigkeit wird zum wichtigen Verbündeten im Recruiting

Nicht zu verachten: Die Förderung sozial nachhaltiger Faktoren kann innerhalb der eigenen Belegschaft und im jeweiligen Geschäftsumfeld zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor werden – gerade angesichts von Diskussionen rund um den Fachkräftemangel. Im Recruiting und bei der Bindung von Mitarbeitenden lohnt es sich, neue Wege zu gehen. Transparenz über ESG-Fortschritte und -Ziele, gelebte Diversität und eine paritätische Besetzung auf Führungsebene können Anreize für Fachkräfte sein, ins Unternehmen zu wechseln oder zu bleiben. Die Ausgabe zielgerichteter Nachhaltigkeitsprodukte unterstreicht dabei, dass Finanzunternehmen es ernst meinen und festigt die eigene Position in einem stark wachsenden Markt. Im Corporate Banking wiederum haben Finanzierungsinstrumente wie Social Bonds und Social Loans zuletzt zunehmend an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig bietet die Ausgabe sozial nachhaltiger Finanztitel günstige Refinanzierungsmöglichkeiten – im Kontext des steigenden Zinsniveaus ebenfalls ein gewichtiger Aspekt.

Ganzheitliche Behandlung sozialer Faktoren verhindert Risiken und eröffnet Chancen

Zusammengefasst spielt das S in ESG derzeit für Finanzdienstleister noch eine untergeordnete Rolle. Regulatoren und Gesellschaft fordern aber zunehmend die Auseinandersetzung mit sozialer Nachhaltigkeit. Finanzinstitute, die sich vorausschauend positionieren, vermeiden nicht nur negative Folgen – sie gewinnen auch Geschäftsmöglichkeiten im Zusammenhang mit S-Aspekten. Es gilt, sich frühzeitig am Markt zu positionieren, um der wachsenden Bedeutung des Themas gerecht zu werden und die aufkommenden Marktchancen zu nutzen.

 

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Sustainable Finance und ESG

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Sustainable Finance

Mit der Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDGs) und des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen das wohl ehrgeizigste Projekt der Menschheitsgeschichte auf den Weg gebracht: Die Transformation zu einer nachhaltigeren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Bei dieser Transformation kommt dem Finanzsektor eine herausragende Bedeutung zu. Denn mit seiner Hilfe lassen sich Kapitalströme in nachhaltige Investitionen lenken und Anreize für ein nachhaltigeres Handeln setzen. Außerdem wird so Nachhaltigkeit zu einem integralen Bestandteil des Risikomanagements und die Transparenz von Finanz- und Wirtschaftsaktivitäten deutlich erhöht.

Um diese Hebelwirkung des Finanzsektors für die gewünschte nachhaltige Transformation zu nutzen, hat die Europäische Kommission 2018 den EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums verabschiedet. Er hat in Verbindung mit der EU-Taxonomie und einer Vielzahl weiterer Gesetze und Verordnungen – insbesondere zur ESG-Berichterstattung (Environment, Social, Governance) – dazu geführt, dass Finanzdienstleister zahlreiche Prozesse umgestalten und ihre Produktangebote neu ausrichten müssen. Dabei sind zahlreiche Entscheidungen zu treffen, die tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen und erhebliche Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg und das Geschäftsmodell haben.

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