Green IT bei Versicherern: Unterschätztes Potenzial für Nachhaltigkeit

Wie Emissionen entlang des gesamten IT-Lebenszyklus reduziert werden können.

Keyfacts:

  • Zur Umsetzung eines nachhaltigeren Betriebs, sind vor allem umweltfreundliche IT-Lösungen erforderlich.
  • Durch Digitalisierung steigt auch der Ressourcenverbrauch: Hardware und Software benötigen entlang ihres gesamten Lebenszyklus viel Energie und verursachen Emissionen.
  • Daher ist es wichtig, Nachhaltigkeitsmaßnahmen entlang des gesamten IT-Lebenszyklus zu integrieren, in der bestehenden Governance zu verankern und Mitarbeitende für eine bewusstere IT-Nutzung zu sensibilisieren.

Aufgrund der aktuellen Energiekrise und der steigenden Nachhaltigkeitserwartungen von Stakeholdern, sind Versicherer gezwungen, ihre Betriebskosten zu senken und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen. Energieeffizienz und Nachhaltigkeit im eigenen Betrieb gewinnen damit an Bedeutung und können Versicherungsunternehmen einen strategischen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Einen wesentlichen Teil des Betriebs macht die IT aus, die für ca. 25 bis 35 Prozent der betriebsbedingten Emissionen bei Versicherern verantwortlich ist. Prognosen gehen außerdem davon aus, dass der Energieverbrauch aufgrund der zunehmenden Digitalisierung in Zukunft noch weiter ansteigen wird. So soll sich der Anteil der globalen CO2-Emissionen, der durch IT verursacht wird von aktuell 4 Prozent bis 2040 auf 14 Prozent erhöhen.

Emissionen entstehen entlang des gesamten Lebenszyklus von Hard- und Software

Um die eigene IT nachhaltiger zu machen, muss zunächst einmal verstanden werden, wie und wodurch die Emissionen innerhalb der IT entstehen. Dafür muss die gesamte IT, also sowohl Hardware als auch Software entlang ihres Lebenszyklus betrachtet werden.

Schon bei ihrer Herstellung werden Ressourcen und Energie verbraucht und Emissionen ausgestoßen. Später bei der Nutzung, verbraucht die Hardware Energie, sobald sie am Stromnetz angeschlossen ist. Software hingegen beeinflusst durch ihre benötigte Rechenleistung, Speicherkapazität und Netzwerkanforderungen den Bedarf an Hardware und deren Energieverbrauch. Am Lebensende entstehen Elektroschrott und Emissionen durch die Entsorgung von Hardware.

Nachhaltigkeitsmaßnahmen müssen entlang des gesamten IT-Lebenszyklus integriert werden

Da alle Phasen des Lebenszyklus von Hard- und Software zum CO2-Fußabdruck beitragen, wird ein ganzheitlicher Ansatz mit Blick auf Green IT benötigt.

1) Nachhaltigkeit als Kriterium in Konzeption und Entwicklung neuer IT-Systeme

Schon in der Konzeption und Entwicklung neuer IT-Lösungen, sollten Versicherer Nachhaltigkeitsaspekte beachten, um von Beginn an sicherzustellen, dass nur tatsächlich benötigte IT entwickelt bzw. bezogen wird und diese so energieeffizient und ressourcenschonend wie möglich ist.
Das gilt sowohl für den Einkauf von Hardware als auch für den Einkauf und die Eigenentwicklung von Software.

  • Gründliche Bedarfsanalyse
    Sowohl für Hardware als auch für Software sollte im ersten Schritt eine gründliche Bedarfsanalyse durchgeführt werden, die die Anschaffung nicht benötigter IT verhindern soll. Insbesondere bei der Planung der benötigten Kapazitäten in Rechenzentren gilt es, nicht zu viele Ressourcen einzuplanen und eine möglichst hohe Auslastung zu erreichen. Denn auch nicht aktiv genutzte IT-Infrastruktur verbraucht etwa 50 Prozent der Energie gegenüber einer vollen Auslastung.
    Auch bei Software gilt es zu prüfen, welche Funktionalität wirklich benötigt wird und ob bestehende Systeme wiederverwendet werden können.
  • Nachhaltigkeitskriterien im Einkauf
    Beim Einkauf von Soft- und Hardware sind Nachhaltigkeitsanforderungen in die Procurement-Prozesse zu integrieren. Die Kriterien umfassen insbesondere das umweltbewusste und soziale Handeln des Vertragspartners, eine ressourcenschonende und emissionsarme Herstellung der IT-Komponenten und die Energieeffizienz beim Betrieb der bezogenen Produkte und Services. Auch Reparierbarkeit, Skalierbarkeit und Erweiterbarkeit sollten beachtet werden, da diese die Lebensdauer der Produkte positiv mit beeinflussen.
  • Eco-Design-Prinzipien für die Eigenentwicklung von Software
    Wird Software im eigenen Haus entwickelt, sollte auf Nachhaltigkeit und Effizienz geachtet werden. Dafür können Eco-Design-Prinzipien eingeführt werden, die sich auf die verschiedenen Themenfelder und Stakeholdergruppen beziehen:

    • Effizientes UX-Design, zum Beispiel durch einfache Navigation und optimierten Content
    • Effiziente IT-Architektur, zum Beispiel durch Modularität und Skalierbarkeit, Reduktion des Netzwerkverkehrs und Optimierung der Datenhaltung
    • Effiziente Programmierung, zum Beispiel durch bewusste Auswahl effizienter Programmiersprachen, Algorithmen und Datenstrukturen

2) Nachhaltigkeitsmaßnahmen im laufenden Betrieb bestehender IT-Systeme

Auch im Betrieb der bereits produktiven IT-Systeme können noch Nachhaltigkeitsmaßnahmen ergriffen werden. Die drei relevantesten sind dabei:

  • Nutzung erneuerbarer Energien in den eigenen Rechenzentren
    Auch ohne eine Verbesserung der Energieeffizienz durch Optimierung der IT, kann der CO2-Fußabdruck mithilfe eines Umstiegs auf erneuerbare Energie in kurzer Zeit deutlich reduziert werden.
  • Regelmäßige Wartung und Effizienzoptimierung bestehender Soft- und Hardware
    Durch regelmäßige Instandhaltung der Hardware und Refactoring der Software kann die Effizienz der bestehenden Systeme verbessert und zudem auch deren Lebensdauer verlängert werden.
  • Verantwortungsbewusstes Nutzerverhalten
    Jeder einzelne Nutzer bzw. Nutzerin ist für den Fußabdruck der laufenden IT mitverantwortlich und kann diesen durch eine verantwortungsvolle Nutzung positiv beeinflussen. Daher ist es wichtig Anwender:innen aufzuklären und ein Bewusstsein für nachhaltige IT-Nutzung zu schaffen. Das kann durch Kommunikationsmaßnahmen, Transparenz über den eigenen Einfluss auf die IT-Emissionen sowie energiesparende Standardeinstellungen unterstützt werden. Auch Anreizsysteme, zum Beispiel Prämien bei längerer Nutzung derselben Endgeräte, können zu nachhaltigerem Handeln motivieren.

3) Nachhaltige Dekommissionierungsstrategien und Zirkularität bei der Entsorgung

Zuletzt sollten am Ende des Lebenszyklus Nachhaltigkeitsaspekte beim Abbau bestehender IT-Systeme beachtet werden.

  • Reduzierter Energieverbrauch durch Dekommissionierung
    In der IT-Landschaft von Versicherern sammeln sich über die Jahre zahlreiche nicht mehr benötigte Altsysteme. Die Dekommissionierung nicht genutzter Funktionalitäten, Komponenten oder Infrastrukturen reduziert nicht nur Kosten, sondern zudem auch den Energieverbrauch und die damit verbunden Emissionen. Insbesondere energieintensive Systeme sollten deshalb zeitnah entfernt oder ersetzt werden.
  • Refurbishing und Recycling von Hardware
    Bei der Entsorgung von Hardware sollte außerdem auf Zirkularität geachtet werden, indem funktionsfähige Geräte aufbereitet und weiter vertrieben werden und nicht mehr nutzbare Geräte so weit wie möglich recycelt werden. Hierfür bieten sich auch Partnerschaften mit IT-Dienstleistern an, die Beschaffung, Wartung und umweltbewusste Entsorgung aus einer Hand betreuen.

Was sind die Erfolgsfaktoren für die Umsetzung von Green IT?

Um Nachhaltigkeitsmaßnahmen entlang des gesamten Lebenszyklus effektiv umsetzen zu können, sind drei Faktoren erfolgskritisch.

  1. Kommunikation und Wissensaufbau
    Den Mitarbeitenden der IT-Abteilung ist oftmals nicht bewusst, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen auf die Umwelt haben. Daher ist es wichtig alle im IT-Lebenszyklus Beteiligten über ihre Hebel aufzuklären, und durch Schulungsmaßnahmen Wissen aufzubauen.
  2. Verankerung in der bestehenden Governance
    Um sicherzustellen, dass Nachhaltigkeitsaspekte in der Umsetzung nicht vernachlässigt werden, gilt es diese fest in die bestehende Governance zu verankern. Durch die Nutzung der bestehenden Strukturen kann unnötige Komplexität vermieden und Effizienz gewährleistet werden. Beispielsweise sollte Nachhaltigkeit ein Bestandteil der IT-Strategie sein und bei allen IT-bezogenen Businessentscheidungen, wie der Nutzung neuer Technologien oder Cloudification, berücksichtigt werden. Auch in bestehende Richtlinien und Freigabeprozesse sollten Nachhaltigkeitskriterien verbindlich integriert werden.
  3. Monitoring und Reporting
    Um die Emissionen und den Energieverbrauch der IT reporten zu können, aber insbesondere auch um Verbesserungspotenziale zu identifizieren und Maßnahmen steuern zu können, ist es essenziell ein Nachhaltigkeits-Reporting mit Zugriff auf alle relevanten Datenpunkte zu etablieren. Dieses sollte auch in der Lage sein, den tatsächlichen Energieverbrauch der Hardware auf die ausschlaggebenden Softwaresysteme zurückzuführen. Gerade hierbei stehen aktuell die meisten Versicherer noch vor großen Herausforderungen.

Business Value durch Green IT

Versicherer, die diese Erfolgsfaktoren berücksichtigen und Green IT entlang des gesamten Lebenszyklus umsetzten, können nicht nur ihre Nachhaltigkeitsbilanz, sondern auch Effizienzgewinne erzielen. Durch Maßnahmen wie . eine längere Nutzungsdauer von Geräten können Kosten eingespart werden. Die Akzeptanz der Mitarbeiter ist höher, wenn dabei die positiven Auswirkungen auf die Umwelt in den Vordergrund gestellt werden. Darüber hinaus geht nachhaltige IT meist Hand in Hand mit hohen Qualitätsstandards und motiviert insbesondere junge Talente, die einen Beitrag für die Umwelt leisten wollen.

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Sustainable Finance und ESG

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Sustainable Finance

Mit der Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDGs) und des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen das wohl ehrgeizigste Projekt der Menschheitsgeschichte auf den Weg gebracht: Die Transformation zu einer nachhaltigeren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Bei dieser Transformation kommt dem Finanzsektor eine herausragende Bedeutung zu. Denn mit seiner Hilfe lassen sich Kapitalströme in nachhaltige Investitionen lenken und Anreize für ein nachhaltigeres Handeln setzen. Außerdem wird so Nachhaltigkeit zu einem integralen Bestandteil des Risikomanagements und die Transparenz von Finanz- und Wirtschaftsaktivitäten deutlich erhöht.

Um diese Hebelwirkung des Finanzsektors für die gewünschte nachhaltige Transformation zu nutzen, hat die Europäische Kommission 2018 den EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums verabschiedet. Er hat in Verbindung mit der EU-Taxonomie und einer Vielzahl weiterer Gesetze und Verordnungen – insbesondere zur ESG-Berichterstattung (Environment, Social, Governance) – dazu geführt, dass Finanzdienstleister zahlreiche Prozesse umgestalten und ihre Produktangebote neu ausrichten müssen. Dabei sind zahlreiche Entscheidungen zu treffen, die tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen und erhebliche Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg und das Geschäftsmodell haben.

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