Digital und nahtlos: Die Wallet, der neue Kundenzugang im Retail-Banking

Der Wettlauf um Relevanz ist gestartet – Banken sollten sich jetzt positionieren.

Keyfacts:

  • Die digitale Brieftasche (Wallet) entwickelt sich im Retailbanking zu der neuen Kundenschnittstelle.
  • Treibende Kräfte der Entwicklung sind das neue Zahlungsverhalten und regulatorische Initiativen wie die EUDI Wallet, die MiCAR und FiDA – sie ermöglichen jetzt Wallet-basierte Geschäftsmodelle in der Breite.
  • Banken sind gut beraten, sich zügig mit eigenen Wallet-Angeboten zu positionieren, um bei Kundinnen und Kunden nicht ihre Relevanz einzubüßen.

Das Konto in der App, alle Finanzen stets im Blick – Geld überweisen und Wertpapiere handeln jederzeit und überall: Mobile Banking hat das Retailbanking verändert. Vor etwa zehn Jahren wurde das Smartphone zur Filiale in der Hosentasche, und Bankangelegenheiten gibt es seitdem ‚to go‘.

Jetzt zeichnet sich im Markt die nächste Entwicklungsstufe ab, und sie ist nicht weniger revolutionär: Die digitale Geldbörse, auch Wallet genannt, verbreitet sich zusehends. Wir sind überzeugt: Künftig entscheidet sie über den Zugang zum Kunden.

Was ist eine Wallet?

Eine Wallet oder digitale Brieftasche ist ein Tool auf dem Smartphone oder einem anderen Gerät, das digitale Versionen von Zahlkarten, Tickets oder digitale Identitäten speichert. Das erleichtert das kontaktlose Bezahlen, das Verwalten von Dokumenten – und auch Schlüssel für den Zugriff auf Kryptowährungen sind mit der Wallet immer zur Hand.

Ihre Verbreitung und Nutzung nehmen zu. Hinter dieser Entwicklung stecken mehrere treibende Kräfte.

Trend eins: Kunden zahlen mobil, digital, schnell und einfach

Immer mehr Menschen bezahlen digital, und in der jüngeren Generation sind mobile Wallets längst nicht mehr die Ausnahme, sondern Mainstream. Das betrifft nicht nur die Ladenkasse.

Auch im E-Commerce dominieren Wallet-Lösungen – so gibt es laut dem EHI Retail Institute fast keinen Onlineshop mehr, der keine Wallet-Zahlungen akzeptiert (96 Prozent Verbreitung).

Die Vorteile liegen auf der Hand: Schnelles, einfaches Bezahlen im Einzelhandel, im Onlinehandel entfällt das Ausfüllen von Formularen, und beim Online-Gaming lassen sich Käufe ebenfalls einfach per Klick auslösen. Verschlüsselungssysteme sorgen für Sicherheit.

Und so verwundert es nicht, dass Kunden erwarten, dass Banking, Payment und Identitätsdienste in einer App zusammengeführt werden – und globale Marktstudien von zweistelligen jährlichen Wachstumsraten für den Markt der digitalen Wallets ausgehen. Banken sollten das Entstehen dieses großen Marktes nicht ignorieren.

Trend zwei: Schwung durch mehrere regulatorische Initiativen

Aufmerksamkeit verdient das Thema bei Verantwortlichen in Banken auch aufgrund mehrerer regulatorischer Initiativen, die alle gleichzeitig in dieselbe Richtung wirken:

EUDI-Wallet und eIDAS 2.0: Mit der EUDI-Wallet (EU Digital Identity Wallet) arbeitet die Europäische Union aktuell an einer digitalen Brieftasche – aber nicht nur. Vielmehr soll eine EU-weite digitale Identitäts- und Vertrauensinfrastruktur entstehen.

Die Grundlage dafür bildet die eIDAS-2.0-Verordnung, die Banken dazu verpflichtet, ab spätestens Ende 2027 die EUDI Wallet zur digitalen Kundenidentifizierung zu akzeptieren.

Digitaler Euro: Mit der Einführung des digitalen Euro werden Banken perspektivisch auch digitale Euro-Wallets anbieten – inklusive Zahlungsabwicklung und Umtausch zwischen Giralgeld und digitalem Euro.

Digitale Geldformen: Die Rollen der Bank in einem digitalen Geld- und Zahlungsökosystem

Neue Möglichkeiten durch digitales Geld – Banken sollten sich strategisch positionieren

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Dazu kommen die Markets in Crypto Assets Regulation (MiCAR), die in Europa einen stabilen Rechtsrahmen für tokenisierte Assets in Bankenumgebungen geschaffen hat, sowie die Financial Data Access Verordnung (FiDA), mit der der Austausch von Finanzdaten in der Branche Wirklichkeit wird.

Gemeinsam senken diese Initiativen die Eintrittshürden für Wallet-basierte Geschäftsmodelle – und erhöhen gleichzeitig den Wettbewerbsdruck. Denn Regulierung erlaubt nun ausdrücklich, was zuvor Grauzone war: die Integration von Identität, Assets und Payments in einer einzigen, vertrauenswürdigen Oberfläche.

Es wird also höchste Zeit für ‚Wallet First‘ Banking – ein Banking, das die Bank strategisch in der von Wallets geprägten Welt positioniert und jetzt die richtigen Weichen für die Zukunft stellt.

Die Kundenschnittstelle verschiebt sich – erneut

Denn das Wallet-Angebot von Instituten wird absehbar darüber entscheiden, welche Banken relevant bleiben – und welche zur austauschbaren Infrastruktur im Hintergrund werden.

Kundinnen und Kunden erwarten heute keine isolierten Bankfunktionen mehr. Sie bewegen sich in digitalen Ökosystemen, in denen Identität, Zahlung, Assets, Tickets, Verträge und Zugänge nahtlos zusammenspielen. Genau hier entstehen auch ganz neue Gewohnheiten, die Kundinnen und Kunden als gegeben voraussetzen:

  • Die Authentifizierung erfolgt über Single-Sign-On.
  • Zahlungen verschwinden in nahtlosen, eingebetteten Check-out- Prozessen
  • Digitale Assets ersetzen physische Pendants (Tickets, Karten, Nachweise).
  • Die Lösung ist sicher und vertrauenswürdig.

Vertrauen entsteht, anders als früher, nicht durch Produkte, sondern durch stabile, sichere Plattformen. Die Wallet übernimmt damit die Funktion, die einst das Gehaltskonto hatte – als Ausgangs- und Startpunkt der Kundenbeziehung einer Bank.

Sie wird zur zentralen Steuerungsinstanz des digitalen Alltags. Denn eine Wallet ist mehr als eine Paymentlösung – sie ist der vertrauensvolle Wegbegleiter von Kunden im digitalen Raum. Moderne Wallets bündeln:

  • Zahlungsmittel
  • digitale Identitäten
  • finanzielle und tokenisierte Assets
  • Zugänge zu Partner-Ökosystemen
  • Vertrauens- und Consent-Mechanismen

Damit werden sie zum Dreh- und Angelpunkt für Banking, Commerce, Mobilität und Public Services. In anderen Industrien – etwa im Web3-Umfeld – ist diese Logik längst Realität. Banken haben hier einen strukturellen Vorteil: Regulierung, Vertrauen und Kundennähe.

Doch dieser Vorteil ist nicht automatisch gesichert. Er muss aktiv in ein Wallet-basiertes Angebot übersetzt werden. Wer diese Rolle nicht besetzt, verliert den direkten Kundenzugang schrittweise an andere Akteure.

Der Wettlauf um die Wallet ist ein Wettlauf um Relevanz

Die entscheidende Frage für Banken lautet nicht mehr, ob sie Wallet-Funktionen anbieten müssen – sondern welche Rolle sie im neuen Ökosystem einnehmen wollen. Wollen sie ein reiner Zahlungsabwickler sein, ein Infrastruktur-Provider im Hintergrund – oder der vertrauensvolle, geschätzter Partner an der Seite ihrer Kundinnen und Kunden?

Wer sich für ‚Wallet First‘ entscheidet, erhöht die Kundenbindung, die Share of Wallet (also den Anteil von Wallets am Gesamtumsatz des Kunden), die Nutzungsfrequenz und differenziert sich gegenüber Big Tech und reinen Fintechs. Gleichzeitig sinken langfristig Akquisitionskosten, wenn Banken selbst zur Plattform werden und nicht nur Teil fremder Ökosysteme sind.

Erfolgsfaktoren für Wallet First Banking

Aus unserer Erfahrung kristallisieren sich fünf Erfolgsfaktoren heraus:

1

Use-Case-getriebener Ansatz

Wallets müssen konkrete Alltagsprobleme lösen – Identifikation, Check-out, Zugang, Verwaltung. Wir empfehlen daher, im ersten Schritt Anwendungsfälle zu identifizieren, die für das eigene Institut sinnvoll sind.

2

Partnerschaften statt Eigenbau

Geschwindigkeit schlägt Perfektion, Modularität schlägt Monolithen – über das Eingehen von Partnerschaften lässt sich Tempo aufnehmen.

3

Regulatorische Exzellenz als Enabler

DORA, EUDI, MiCAR & Co. müssen „by design“ integriert sein – nicht nachträglich.

4

Nutzerzentrierung (UX) als Differenzierungsmerkmal

Eine Wallet ist kein IT-Projekt, sondern ein Produkt mit emotionaler Bindung und sollte ein gutes Gesamterlebnis schaffen.

5

Klare Positionierung

„Trusted“, „European“, „Secure“ – all diese Attribute bieten Banken und sollten das Alleinstellungsmerkmal bewusst ausspielen.

Keine Wallet – schwere Zukunft im Retailbanking

Retailbanking steht vor seiner nächsten strukturellen Verschiebung. Nicht das Konto, nicht die Karte und nicht die App entscheiden über die Zukunft – sondern die Wallet. Der Handlungsdruck zeigt sich auch in der Makroperspektive: Seit Jahren dominieren große internationale Tech-Anbieter die Wallet-Landschaft – europäische Initiativen sollen Kunden zurückgewinnen, wie die European Payments Initiative (EPI), der digitale Euro und die EUDI Wallet unterstreichen.

Banken sollten ihrerseits ein Angebot entwickeln, um an der Kundenschnittstelle weiter relevant zu sein. Denn Wallets sind nicht nur ein weiteres Feature, sondern die strategische Plattform für Kundenzugang, Datenhoheit und neue Geschäftsmodelle.

Banken, die jetzt handeln, können ihre Rolle im digitalen Alltag neu definieren, Regulierung strategisch nutzen und sich gegen Big Tech und spezialisierte Plattformen behaupten. Wer dagegen zögert, riskiert den Verlust der Kundenschnittstelle – und damit seine strategische Relevanz.