Hinein in den Maschinenraum: Digitale Assets kommen im Alltag an

Bitcoin, Stablecoins und CBDC werden ein fester Betriebsbestandteil von Finanzunternehmen.

Keyfacts:

  • Digitale Assets werden in den kommenden Monaten ein fester Bestandteil des Betriebs von Unternehmen im Finanzsektor.
  • Unsere acht Thesen sagen warum und was Banken, Asset Manager und Zahlungsdiensteanbieter jetzt tun sollten.
  • Vor allem die Arbeit an Systemvoraussetzungen und an der IT-Infrastruktur ist jetzt wichtig, begleitet von umfassender Compliance.

Jahre der Experimente, der Erkundung, der Piloprojekte und Machbarkeitsstudien liegen hinter uns. Jetzt treten digitale Assets in eine neue Phase ein: In den kommenden Monaten gilt es für Banken, Asset Manager und Zahlungsdienste-Anbieter, die Weichen für den Einzug digitaler Assets in den laufenden Betrieb zu stellen.

Anhand von acht Thesen zeigen wir auf, warum wir der Ansicht sind, dass Kryptowährungen, Stablecoins und Digitale Assets zum festen Bestandteil der täglichen Abläufe werden.

These 1: Bitcoin und Co. werden zum festen Portfolio-Baustein.

Lange galt der Bitcoin als spekulative Randerscheinung – zu volatil, zu weit entfernt vom etablierten Finanzsystem. Jetzt wird der Bitcoin immer mehr zu einem strategischen Makro-Asset – also einer Anlageklasse, die Investoren nutzen, um auf globale Markttrends zu reagieren. Gleichzeitig wird der Bitcoin so zum Diversifikations- und Allokationsbaustein und hat in immer mehr Portfolios einen festen Platz.

Hintergrund dieser Entwicklung sind regulierte Marktinfrastrukturen, professionelle Custody-Modelle und die zunehmende Einbettung in bestehende Investmentprozesse. Krypto-Exposure ist mithin kein Schmücken mit Innovationen mehr – es ist Ausdruck einer modernen Portfoliosteuerung.

Für Finanzinstitute bedeutet das: Digitale Assets wandern aus der Innovationsabteilung in das Asset Management, das Treasury, in die Risiko- und Finanzabteilungen. Die Frage ist nicht mehr, ob Institute sich mit Krypto befassen – sondern wie vernetzt, skalierbar und professionell sie Bitcoin und Co. in ihrem täglichen Betrieb integrieren.

These 2: Die Wallet wird zur neuen Kundenschnittstelle.

Nach langer Vorherrschaft der Filiale und dem Siegeszug der Banking-Apps beobachten wir aktuell den Schritt auf die nächste Evolutionsstufe der Kundenschnittstelle: Die Wallet bündelt Identitätsnachweis, Zahlungen, Asset-Verwaltung, Zugangsrechte und Verträge in einer vertrauenswürdigen Oberfläche.

Was bedeutet die Wallet für Kundinnen und Kunden? Für sie wird die Wallet zum Ausgangspunkt digitaler Interaktionen vielfältiger Art.

Und was bedeutet die Wallet für Banken? Für Banken wird die Wallet zur strategischen Schaltstelle. „Wallet First Banking“ ist also kein Thema für die User Experience mehr, sondern eine Aufgabe für die Strategieabteilung.

Denn wer die Wallet kontrolliert, steuert den Zugang zum Kunden. Banken stehen vor der Entscheidung, selbst als vertrauenswürdige Wallet-Anbieter aufzutreten – oder sich auf die Rolle des regulierten Infrastrukturdienstleisters im Hintergrund zu beschränken.

Ein neuer Wettbewerb um Relevanz beginnt: Nicht mehr das einzelne Produkt entscheidet, sondern die Fähigkeit, Ökosysteme nahtlos, sicher und regulatorisch integriert abzubilden. Dreh- und Angelpunkt in diesem Ökosystem ist die Wallet.

These 3: Wir werden eine Zunahme digitaler Wertpapiere aus dem Bestand erleben.

Die erste Phase der Tokenisierung war von Pilotprojekten geprägt. Die Emissionen einzelner Anleihen, Fonds oder Schuldtitel haben gezeigt, was technisch möglich ist. Jetzt verschiebt sich der Fokus: Nicht neue Produkte treiben die Skalierung, sondern Emissionen aus dem Bestand.

Wir werden in den nächsten Monaten eine Zunahme bei der Mobilisierung vorhandener Wertpapiere und Sicherheiten erleben – für die Besicherung im Handelsgeschäft (Collateral Management), untertägige Liquidität (Intraday Liquidity), Repo- und Lending-Geschäfte oder Kapitalmaßnahmen von Unternehmen (Corporate Actions).

Tokenisierung verlässt damit den Bereich der Produktinnovation und wird zu einer notwendigen Prozessinnovation. Erfolgreich sind jene Marktteilnehmer, die Tokenisierung nicht isoliert betrachten, sondern in ihre bestehende Kapitalmarktarchitektur integrieren – in der Abwicklung, im Treasury und in der Systemlandschaft.

These 4: Die hybride Finanzmarktinfrastruktur wird zum Normalfall.

Die Zukunft der Finanzmarktinfrastruktur ist weder rein öffentlich noch rein geschlossen – sie ist etwas dazwischen, sie ist hybrid. Regulierungsnahe Prozesse werden auf sogenannten berechtigen Infrastrukturen stattfinden („permissioned infrastructure“) – also Netzwerke, in denen der Zugriff oder die Teilnahme beschränkt ist. Öffentliche Blockchains entwickeln sich parallel als Innovations-, Standardisierungs- und Liquiditätsschicht.

Der Mehrwert entsteht in der Verbindung beider Welten: Governance, Compliance und Stabilität auf der einen Seite – Offenheit, Skaleneffekte und Innovationsdynamik auf der anderen.

Damit rückt Interoperabilität in den Mittelpunkt. Nicht die eine Plattform wird sich durchsetzen, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Infrastrukturen sinnvoll zu orchestrieren.

These 5: Stablecoins werden zum Betriebsmittel digitaler Kapitalmärkte.

Stablecoins wurden lange als Retail-Zahlungsmittel der Zukunft diskutiert. Wir glauben, dass sich in den kommenden Monaten vielmehr ihre tatsächliche Bedeutung zeigen wird – als Hebel im institutionellen Umfeld. Denn Stablecoins werden sich als settlementfähige, programmierbare Liquidität für Kapitalmärkte, das Treasury und grenzüberschreitende Abwicklung etablieren.

Sie schließen die operative Lücke zwischen Geschäftsbankengeld, Zentralbankgeld und tokenisierten Assets. Damit werden sie zu einem infrastrukturellen Betriebsmittel digitaler Märkte.

Für Banken verschiebt sich der Fokus von Produktfragen hin zu Architekturfragen: Wie wird tokenisiertes Geld in bestehende Abwicklungs-, Risiko- und Liquiditätsmodelle integriert? Diese Fragen müssen die Institute zeitnah beantworten.

These 6: Der größte Nutzen von digitalem Zentralbankgeld liegt im Wholesale.

Auch bei digitalem Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency, CBDC) wird nun klarer, wo kurzfristig der größte ökonomische Nutzen liegt: insbesondere im Wholesale-Settlement und in Kapitalmarktanwendungen.

Tokenisiertes Zentralbankgeld ermöglicht atomare Abwicklung, integriertes Cash- und Collateral-Management und neue Effizienzpotenziale im Intraday-Liquiditätsmanagement. Es wird damit zum Ankerpunkt neuer Marktinfrastrukturen. Die Pontes-Initiative des Eurosystems bietet hierfür eine gute Plattform.

Für Geschäftsbanken bedeutet das vor allem eines: Sie müssen ihre Rolle im Markt weiterentwickeln – als Integratoren, Betreiber und Nutzer neuer Abwicklungsmechanismen.

These 7: Regulierung entwickelt sich vom Bremsklotz zum Standortfaktor.

Mit der MiCAR, dem DLT Pilot Regime und internationalen Rahmenwerken sind mittlerweile viele Leitplanken gesetzt. Regulierung verliert im Bereich digitale Assets ihren Ausnahmecharakter – sie wird zur Grundvoraussetzung.

Wer für die Regulatorik bereit ist, erzielt damit allein keinen Wettbewerbsvorteil mehr – es zählt Umsetzungskompetenz. Geschwindigkeit, Skalierbarkeit, Betrieb und Kostenstrukturen rücken in den Vordergrund. Digitale Assets werden damit zu einem klassischen Transformationsfeld, in dem die Umsetzung regulatorisch konformer Produkte und Prozesse zur Kernkompetenz wird.

These 8: Digitale Assets verabschieden sich als eigenständige Kategorie.

Die vielleicht wichtigste Veränderung der kommenden Monate ist die leiseste: Digitale Assets werden als eigenständige Kategorie zunehmend verschwinden. Sie werden Teil der Kernsysteme, der Betriebsmodelle und der Architekturentscheidungen.

Nicht Blockchain-Strategien, sondern Treasury-Architekturen, Kapitalmarktplattformen und Betriebsprozesse werden für die Banken also wichtiger – die Diskussion um die Themen wird technischer, operativer und damit strategischer.

Digitale Assets sind im Maschinenraum der Institute angekommen

Digitale Assets sind heute ein fester Bestandteil der finanzwirtschaftlichen Realität. Deshalb markieren die nächsten Monate nicht den nächsten Hype-Zyklus, sondern den Übergang in den Betrieb. Digitale Assets werden die Abwicklung, Liquiditätsfragen, Kundenschnittstellen und Marktinfrastrukturen verändern, indem sie in diesen Themen aufgehen.

Für Finanzinstitute geht es bei der Befassung mit digitalen Assets nicht mehr um Sichtbarkeit, sondern um eine Verankerung im Geschäft: Sie sind im Maschinenraum angekommen.