These 3: Wir werden eine Zunahme digitaler Wertpapiere aus dem Bestand erleben.
Die erste Phase der Tokenisierung war von Pilotprojekten geprägt. Die Emissionen einzelner Anleihen, Fonds oder Schuldtitel haben gezeigt, was technisch möglich ist. Jetzt verschiebt sich der Fokus: Nicht neue Produkte treiben die Skalierung, sondern Emissionen aus dem Bestand.
Wir werden in den nächsten Monaten eine Zunahme bei der Mobilisierung vorhandener Wertpapiere und Sicherheiten erleben – für die Besicherung im Handelsgeschäft (Collateral Management), untertägige Liquidität (Intraday Liquidity), Repo- und Lending-Geschäfte oder Kapitalmaßnahmen von Unternehmen (Corporate Actions).
Tokenisierung verlässt damit den Bereich der Produktinnovation und wird zu einer notwendigen Prozessinnovation. Erfolgreich sind jene Marktteilnehmer, die Tokenisierung nicht isoliert betrachten, sondern in ihre bestehende Kapitalmarktarchitektur integrieren – in der Abwicklung, im Treasury und in der Systemlandschaft.
These 4: Die hybride Finanzmarktinfrastruktur wird zum Normalfall.
Die Zukunft der Finanzmarktinfrastruktur ist weder rein öffentlich noch rein geschlossen – sie ist etwas dazwischen, sie ist hybrid. Regulierungsnahe Prozesse werden auf sogenannten berechtigen Infrastrukturen stattfinden („permissioned infrastructure“) – also Netzwerke, in denen der Zugriff oder die Teilnahme beschränkt ist. Öffentliche Blockchains entwickeln sich parallel als Innovations-, Standardisierungs- und Liquiditätsschicht.
Der Mehrwert entsteht in der Verbindung beider Welten: Governance, Compliance und Stabilität auf der einen Seite – Offenheit, Skaleneffekte und Innovationsdynamik auf der anderen.
Damit rückt Interoperabilität in den Mittelpunkt. Nicht die eine Plattform wird sich durchsetzen, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Infrastrukturen sinnvoll zu orchestrieren.
These 5: Stablecoins werden zum Betriebsmittel digitaler Kapitalmärkte.
Stablecoins wurden lange als Retail-Zahlungsmittel der Zukunft diskutiert. Wir glauben, dass sich in den kommenden Monaten vielmehr ihre tatsächliche Bedeutung zeigen wird – als Hebel im institutionellen Umfeld. Denn Stablecoins werden sich als settlementfähige, programmierbare Liquidität für Kapitalmärkte, das Treasury und grenzüberschreitende Abwicklung etablieren.
Sie schließen die operative Lücke zwischen Geschäftsbankengeld, Zentralbankgeld und tokenisierten Assets. Damit werden sie zu einem infrastrukturellen Betriebsmittel digitaler Märkte.
Für Banken verschiebt sich der Fokus von Produktfragen hin zu Architekturfragen: Wie wird tokenisiertes Geld in bestehende Abwicklungs-, Risiko- und Liquiditätsmodelle integriert? Diese Fragen müssen die Institute zeitnah beantworten.
These 6: Der größte Nutzen von digitalem Zentralbankgeld liegt im Wholesale.
Auch bei digitalem Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency, CBDC) wird nun klarer, wo kurzfristig der größte ökonomische Nutzen liegt: insbesondere im Wholesale-Settlement und in Kapitalmarktanwendungen.
Tokenisiertes Zentralbankgeld ermöglicht atomare Abwicklung, integriertes Cash- und Collateral-Management und neue Effizienzpotenziale im Intraday-Liquiditätsmanagement. Es wird damit zum Ankerpunkt neuer Marktinfrastrukturen. Die Pontes-Initiative des Eurosystems bietet hierfür eine gute Plattform.
Für Geschäftsbanken bedeutet das vor allem eines: Sie müssen ihre Rolle im Markt weiterentwickeln – als Integratoren, Betreiber und Nutzer neuer Abwicklungsmechanismen.
These 7: Regulierung entwickelt sich vom Bremsklotz zum Standortfaktor.
Mit der MiCAR, dem DLT Pilot Regime und internationalen Rahmenwerken sind mittlerweile viele Leitplanken gesetzt. Regulierung verliert im Bereich digitale Assets ihren Ausnahmecharakter – sie wird zur Grundvoraussetzung.
Wer für die Regulatorik bereit ist, erzielt damit allein keinen Wettbewerbsvorteil mehr – es zählt Umsetzungskompetenz. Geschwindigkeit, Skalierbarkeit, Betrieb und Kostenstrukturen rücken in den Vordergrund. Digitale Assets werden damit zu einem klassischen Transformationsfeld, in dem die Umsetzung regulatorisch konformer Produkte und Prozesse zur Kernkompetenz wird.
These 8: Digitale Assets verabschieden sich als eigenständige Kategorie.
Die vielleicht wichtigste Veränderung der kommenden Monate ist die leiseste: Digitale Assets werden als eigenständige Kategorie zunehmend verschwinden. Sie werden Teil der Kernsysteme, der Betriebsmodelle und der Architekturentscheidungen.
Nicht Blockchain-Strategien, sondern Treasury-Architekturen, Kapitalmarktplattformen und Betriebsprozesse werden für die Banken also wichtiger – die Diskussion um die Themen wird technischer, operativer und damit strategischer.
Digitale Assets sind im Maschinenraum der Institute angekommen
Digitale Assets sind heute ein fester Bestandteil der finanzwirtschaftlichen Realität. Deshalb markieren die nächsten Monate nicht den nächsten Hype-Zyklus, sondern den Übergang in den Betrieb. Digitale Assets werden die Abwicklung, Liquiditätsfragen, Kundenschnittstellen und Marktinfrastrukturen verändern, indem sie in diesen Themen aufgehen.
Für Finanzinstitute geht es bei der Befassung mit digitalen Assets nicht mehr um Sichtbarkeit, sondern um eine Verankerung im Geschäft: Sie sind im Maschinenraum angekommen.