Umsetzbarkeit zählt: Die neuen SRB-Anforderungen zu Transferstrategien

Schon der aktuelle Abwicklungszyklus entscheidet über den Übergang in das neue Testing.

Keyfacts:

  • Der Einheitliche Abwicklungsausschuss der EU (SRB) verschärft die Anforderungen an Transferstrategien: Banken müssen künftig zeigen, dass sich klar abgegrenzte Teile ihres Geschäfts im Krisenfall tatsächlich trennen und übertragen lassen.
  • Die Anforderungen an die Struktur, den Inhalt und die Umsetzbarkeit im Separability Analysis Report (SAR) und im Transfer Playbook steigen erheblich – es gilt jetzt zu handeln.
  • Das angekündigte Testing erhöht den Druck zusätzlich: Künftig wird unter realistischen Bedingungen geprüft, ob Entscheidungen, Abläufe, Datenbereitstellung und operative Kontinuität funktionieren.

Mit zwei neuen Veröffentlichungen zu Transferstrategien hat der Single Resolution Board (SRB) der Europäischen Union aufhorchen lassen. Die finale „Operational Guidance for banks on separability and transferability for transfer tools“ und die neue „Operational Guidance on Transfer Playbooks“ rücken die operative Umsetzbarkeit von Transferstrategien im Abwicklungsfall in den Mittelpunkt. Damit nimmt der SRB die Institute stärker als zuvor in die Pflicht, ihre Abwicklungsfähigkeit datenbasiert und überprüfbar nachzuweisen. 

Neu hinzugekommen ist ein gesonderter Anhang über das Testen (Testing Annex). Dieser definiert erstmals konkrete Testanforderungen und damit den Übergang von einer konzeptionellen Beschreibung hin zum Belegen der Umsetzbarkeit.

Transferstrategien – worum geht es? 

Wenn eine Bank in eine Krise gerät, entscheiden oft wenige Tage darüber, ob Geschäftsbereiche geordnet übertragen werden können – oder ob improvisiert wird. Mit den neuen Veröffentlichungen hat der SRB einen wichtigen Meilenstein zum Ausbau des Ordnungsrahmens in der europäischen Abwicklungsplanung gesetzt – für Banken eine weitere Aufgabe neben der Herstellung einer zusätzlichen belastbaren Abwicklungsplanung nach den EoVC-Vorgaben 

Die neuen SRB-Leitlinien richten den Fokus konsequent auf die Fähigkeit von Banken, Transferstrategien im Abwicklungsfall tatsächlich umzusetzen. Eine Transferstrategie beschreibt, wie klar abgegrenzte Teile einer Bank im Krisenfall rechtlich, operativ und wirtschaftlich auf einen Dritten übertragen werden können.  

Anders als beim klassischen Bailin, der auf eine Rekapitalisierung des Instituts abzielt, stehen für den SRB der Verkauf oder die Übertragung der Bank im Mittelpunkt. Im Ergebnis orientieren sich die Vorgaben damit deutlich stärker an den wenigen, aber real beobachtbaren Abwicklungsfällen der vergangenen Jahre innerhalb der EU. 

Die aktualisierten Vorgaben gelten für alle wesentlichen Transferstrategien: für Unternehmensveräußerungen („Sale of Business“) ebenso wie für Abwicklungsansätze, bei denen Institute oder Institutsteile vorübergehend auf staatliche Rechtsträger übertragen werden – etwa auf Brückeninstitute („Bridge Institution Tool“) oder Vermögensverwaltungsgesellschaften („Asset Separation Tool“/“Asset Management Vehicle“).  

Im Ergebnis nimmt der SRB die Institute damit noch stärker als zuvor in die Pflicht, ihre Abwicklungsfähigkeit weiterzuentwickeln – also ihre Fähigkeit, kritische Geschäftsbereiche im Krisenfall geordnet zu trennen und auf Dritte zu übertragen. 

Die Anforderungen des SRB an bestehende Reports und Playbooks steigen deutlich

Mit den neuen Veröffentlichungen schafft der SRB einen klar strukturierten Rahmen, um Transferstrategien standardisiert und modular zu analysieren. Ziel ist es, ein möglichst praxisnahes und flexibles Fundament für reale Abwicklungssituationen zu etablieren.

Im Kern betrifft dies eine weiterentwickelte Logik zur Ableitung der Transfergegenstände (Transferperimeter) – also der konkret übertragbaren Geschäftsbereiche –, eine höhere Granularität und Standardisierung der erforderlichen Beschreibungen und Analysen sowie erweiterte Anforderungen an die Analyse der Marktfähigkeit dieser Transfergegenstände. 

Das Ergebnis: Die Anforderungen an bestehende Separability Analysis Reports (SAR) und Transfer Playbooks steigen nicht nur deutlich. Die neuen SRB-Leitlinien verlangen vor allem auch eine Verbindung aus regulatorischer Methodik, transaktionsnaher Markt- Käuferlogik sowie operativer Umsetzungsfähigkeit. 

Hinzu kommt, dass diese neuen Anforderungen nicht nur im aktuellen Aufsichtszyklus erheblichen Weiterentwicklungsbedarf an bestehenden Dokumenten auslöst. Vor allem liefern sie die Grundlage für die kommenden Aufsichtszyklen und das angekündigte Testing.

Transferstrategien im Abwicklungsfall: Welche SRB-Vorgaben neu sind 

Der SRB fordert eine größere Analyse und Dokumentationstiefe. Vor allem drei Bereiche werden die Aufwände für die Institute erhöhen: der SAR, das Transfer Playbook und der Ausblick auf zukünftige TestingAnforderungen. 

Separability Analysis Report (SAR): Deutlich mehr Tiefe – und eine neue Marktlogik 

Mit dem neuen Standard etabliert der SRB in einem sogenannten „3-Layer-Modell“ eine Logik zur Identifikation geeigneter Transfergegenstände. Dieses Modell verlangt eine strukturierte und iterative Identifikation des Transferperimeters. Layer 1 bildet den regulatorischen Kern: Bankbestandteile, die zum Erreichen gesetzlicher definierter Minimalziele einer Abwicklung zwingend aufrecht zu erhalten sind.

Layer 2 adressiert Vernetzungsbeziehungen, die für die Aufrechterhaltung des Betriebs schwer zu ersetzen sind. Layer 3 zielt auf die Steigerung der Marktattraktivität des Perimeters für potenzielle Erwerber ab.  

Zentraler Bestandteil für die Identifikation der verschiedenen Layer ist die Vernetzungsanalyse, die sämtliche finanziellen, rechtlichen, operativen und geschäftlichen Vernetzungen erfasst, klassifiziert und quantifiziert – einschließlich ITMigrationskosten, Integrationsaufwänden, Personalkosten sowie Kosten für die übergangsweise (Transitional Service Agreement) bzw. dauerhafte (Service Level Agreements) Erbringung von Services zwischen den beteiligten Einheiten. 

Die Analyse der Marktattraktivität fordert eine systematische Herleitung und Dokumentation von Käuferprofilen und Bewertungslogiken. Damit rückt die Käufer und Transaktionsperspektive konsequent weiter in das Herzstück der Operationalisierung von Abwicklungsstrategien.  

Das 3-Layer-Modell zur Identifikation geeigneter Transfergegenstände

Quelle: KPMG in Deutschland, 2026

Spezielle Herausforderungen ergeben sich u.a. für Institute mit Brückeninstituts‑Strategien, die vermehrt von Host‑Banks (zum Beispiel mit Brexit‑Strukturen) umzusetzen sind, bei denen regulatorische und operative Rahmenbedingungen noch komplexer ausfallen.

Eine Brückeninstitut ist ein temporäres, von der Abwicklungsbehörde kontrolliertes Kreditinstitut, das im Rahmen der SRB‑Abwicklungsplanung eingesetzt wird, um kritische Funktionen und ausgewählte Vermögenswerte eines scheiternden Instituts vorübergehend zu übernehmen, bis eine dauerhafte Markt­lösung realisiert werden kann.

Die integrierte Due Diligence als Erfolgsfaktor in Transaktionen

Im dynamischen Transaktionsumfeld von heute sollte die Due Diligence nicht nur auf Daten aus der Vergangenheit zurückgreifen. Eine integrierte Due Diligence ermöglicht eine tiefere Analyse der operativen Risiken und Synergiepotenziale eines Zielunternehmens – und den Blick nach vorn.

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Transfer Playbook: Vom Konzept zum Betriebshandbuch

Während der SAR die analytischen Grundlagen liefert, verlangt das Transfer Playbook die operative Übersetzung in belastbare Abläufe entlang der Abwicklungsphasen. Die neuen SRB-Leitlinien definieren erstmals einen konkreten Rahmen, in dem Governance, Rollen, Verantwortlichkeiten, Zeitabläufe, Kommunikationspfade, Entscheidungsprozesse und operative Handlungssequenzen dargestellt und testfähig aufgebaut sein müssen.

Transfer Playbooks werden damit zu echten Betriebshandbüchern für den Krisenfall – weit entfernt von den eher konzeptionellen Dokumenten früherer Jahre.

Die neuen Vorgaben an das Testen: Qualität von SAR und Transfer Playbook entscheiden

Auch wenn das Testing erst in den kommenden Zyklen voll wirksam wird, ist klar: Die Qualität von SAR und Transfer Playbook bestimmt, ob Institute testfähig sind. Getestet werden vor allem Governance-Fähigkeiten, die Aktualisierungs- und Anpassungsfähigkeit des Perimeters, Vermarktungsschritte, Maßnahmen zur Sicherstellung des operativen Betriebs (operative Kontinuität) sowie bedarfsweise Umsetzungsschritte für den Rücktransfer von Übertragungsgegenständen.

Wichtig: Die Abläufe in einer Abwicklung sind zeitkritisch: In den Dokumenten genannte Zeiträume müssen gleichermaßen ambitioniert wie auch operativ durchführbar sein.

Drei Schwachstellen in aktuellen Transferstrategien: Was wir am Markt sehen

In der praktischen Umsetzung zeigen sich derzeit drei typische Schwachstellen.

1. Viele Institute definieren den Übertragungsumfang noch zu sehr aus eigener Perspektive statt aus der Sicht eines möglichen Erwerbers. Häufig werden übertragbare Einheiten entlang interner Organisations‑ oder Produktlogiken beschrieben. Sie schildern häufig „So sind wir aufgebaut“. Für einen Transfer zählt aber etwas anderes: Was kann ein Dritter realistisch übernehmen – und was braucht er dafür? Wenn diese Perspektive fehlt, bleiben Zuschnitt und Marktfähigkeit des Übertragungsgegenstands unklar – und es entstehen im nächsten Schritt Nacharbeiten, weil Käuferlogik und Marktannahmen nicht belastbar sind.
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2. Die größte Bremse ist meist nicht die Idee – sondern die Umsetzbarkeit in Governance und Abläufen. In vielen Instituten ist zwar beschrieben, was übertragen werden könnte. Unklar bleibt aber häufig, wer im Krisenfall entscheidet, welche Informationen wann bereitgestellt werden und wie der Prozess über mehrere Tage unter Zeitdruck gesteuert wird. Die Folge: Dokumente sind nicht durchgängig, Rollen und Eskalationswege wirken nicht ausführbar, und Datenflüsse sind nicht so aufgesetzt, dass sie im Ernstfall verlässlich funktionieren.
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3. Institute unterschätzen die Dynamik: Der Übertragungsumfang bleibt in einer Krise selten stabil. In der Realität verändern sich Annahmen schnell – Marktinteresse, Risiken, verfügbare Daten oder behördliche Vorgaben. Trotzdem behandeln viele Institute den Übertragungsumfang als statisch. Was oft fehlt, ist ein sauberer Mechanismus, wie Anpassungen schnell entschieden, dokumentiert und operativ nachgezogen werden und damit im Einklang stehende Berechnungslogiken und Teilautomatisierungen. Genau hier entstehen später in Tests typische Zusatzaufwände mit hohen manuellen Ressourceneinsätzen, wenn es oft heißt: „Bitte erneut darstellen unter Berücksichtigung folgender Sonderannahmen“.

Vorgaben markieren Handlungsbedarf schon im aktuellen Abwicklungszyklus

Die neuen SRB‑Leitlinien markieren einen klaren Perspektivwechsel in der Abwicklungsplanung: Entscheidend ist künftig nicht mehr, ob Transferstrategien theoretisch plausibel sind, sondern ob sie unter realistischen Bedingungen schnell, geordnet und mit vertretbarem Aufwand umgesetzt werden können.

Für Institute bedeutet das bereits im Abwicklungszyklus 2026 konkreten Handlungsbedarf. Bestehende SARs und Transfer Playbooks müssen daraufhin überprüft werden, ob sie

  • die übertragbaren Geschäftsbereiche klar und ausreichend modular abgrenzen
  • Abhängigkeiten realistisch berücksichtigen
  • und Prozesse, Rollen und Zeitabläufe so beschreiben, dass sie im Ernstfall funktionieren.

Mit dem angekündigten Einstieg in das Testing verschärft sich dieser Anspruch weiter. Unklare, inkonsistente oder rein konzeptionelle Dokumente führen künftig nicht nur zu Feststellungen durch die Aufsicht, sondern vor allem zu wiederholten Nacharbeiten, zusätzlichen Testschleifen und vermeidbaren Folgeaufwänden.

Institute, die ihre Abwicklungsplanung früh an der Umsetzbarkeit, Klarheit und Testfähigkeit ausrichten, schaffen damit vor allem eines: Sie reduzieren Komplexität, Zeitdruck und Aufwand in den kommenden Tests – und machen ihre Transferstrategien beherrschbar.