„Wir sehen ein deutlich verbessertes Marktumfeld für Transaktionen.“

Interview: Der Bankenmarkt steht vor einem Jahr der Konsolidierung – auch in Deutschland.

Keyfacts:

  • Stabile Zinsen, gute Finanzierungsbedingungen, moderate Bewertungen: Das Marktumfeld für Fusionen und Übernahmen ist im Bankenmarkt günstig.
  • Der Branche steht daher ein dynamisches Jahr bevor – je nach Institutsgruppe unterschiedlich ausgeprägt.
  • Grenzüberschreitende Deals würden von einem einheitlichen europäischen Rechtsrahmen profitieren.

Steht der Bankenmarkt vor einer neuen Welle der Konsolidierung? In Europa wird diese Frage derzeit intensiv diskutiert. Schon 2025 deuteten zahlreiche Transaktionen – insbesondere im Sparkassen- und Genossenschaftssektor – auf mehr Bewegung bei Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A) hin.

Auch 2026 dürfte dynamisch werden, sagt Marc Poggel, Head of Financial Services Deal Advisory bei KPMG in Deutschland. Er rät Instituten, jetzt ihre strategische Ausrichtung zu schärfen und ihr Geschäftsmodell weiterzuentwickeln, um in einem herausfordernden Markt nicht zum Übernahmekandidaten zu werden, sondern eigenständig und finanziell handlungsfähig zu bleiben.

Frage: Marc, wie blickst Du mit Deinem Team auf die aktuellen Entwicklungen – werden wir 2026 vermehrt Fusionen und Übernahmen sehen?

Marc Poggel: Wir sehen für Transaktionen seit Ende 2025 ein verbessertes Marktumfeld: stabile Zinsen, gute Finanzierungskonditionen und eine Branche, die gelernt hat, mit geopolitischen Unsicherheiten umzugehen. Bewertungen normalisieren sich, viele Institute handeln leicht unter oder knapp über ihrem Buchwert. Allerdings bleiben europäische Institute weiter moderat bewertet und damit attraktiv für internationale Investoren.

Das zeigt sich auch in den globalen Deal-Aktivitäten: Was in den USA begann, ist mittlerweile auch in Europa spürbar: Grenzüberschreitende Banken-Deals legten 2025 in der EU auf 17 Milliarden Euro zu – das ist der höchste Stand seit 2008.

Grenzüberschreitende Deals bleiben aber strukturell anspruchsvoll: Solange die regulatorische Harmonisierung in Europa nicht voranschreitet, wird die  Konsolidierung auf europäischer Ebene langsamer verlaufen als die nationale.

Regionale Häuser, überregionale und Spezialbanken: Unterschiede bei den Institutsgruppen

Frage: Die Diskussion in Europa ist das eine – aber der deutsche Markt ist in vielerlei Hinsicht besonders. Werden wir hierzulande viele Übernahmen oder Zusammenschlüsse sehen?

Marc Poggel: Die Konsolidierung im deutschen Bankenmarkt ist längst strukturell: Kostendruck, Digitalisierung und Regulierung treiben Institute zusammen – unabhängig von kurzfristigen Wirtschaftszyklen. Aktuell verdecken gute Margen bestehende Effizienz‑ und Technologiedefizite. Doch wenn sich die Zinsen normalisieren, werden diese wieder stärker hervortreten.

Langfristig erfolgreich sind Institute, die konsequent skalieren, automatisieren und ihre IT modernisieren. Regulatorische Kompetenz und die Fähigkeit, komplexe Ökosysteme zu integrieren, gewinnen weiter an Bedeutung. Der entscheidende Punkt wird sein, welche Rolle ein Institut in einer zunehmend plattformorientierten Wertschöpfungsstruktur einnehmen will.

Gleichzeitig sind Emerging Risks kein Randthema mehr. Geopolitik, künstliche Intelligenz, Quantencomputing und Demografie verändern Märkte und Risikoappetit – von Geschäftsmodell bis Betriebsmodell. Und Sie verlangen eine proaktive Steuerung in einem hochdynamischen Umfeld.

Dabei betreffen die Veränderungen die einzelnen Institutsgruppen sehr unterschiedlich: Sparkassen und Genossenschaftsbanken nutzen Zusammenschlüsse und skalieren digitale Prozesse und Services, um ihre Marktposition zu festigen, während überregionale Häuser strategisch stärker unter Zugzwang stehen. Spezialinstitute und Fintechs setzen zunehmend auf M&A, um Ertrag, Skalierung und Regulierung besser zu managen.

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Starke und souveräne Kapitalmarktunion: Europas Banken würden profitieren

Frage: Vielfach werden auf europäischer Ebene regulatorische Hürden für Zusammenschlüsse genannt. Nach wie vor gibt es Unterschiede bei den Kapital- und Liquiditätsanforderungen, obwohl die EZB als Aufsicht für alle fungiert. Wie siehst Du das?

Marc Poggel: Die Beobachtung ist richtig: Trotz einheitlicher EZB-Aufsicht bestehen erhebliche nationale Unterschiede bei Kapital- und Liquiditätsanforderungen und bei Compliance-Vorgaben wie Cybersecurity und Datenschutz. Das hemmt die freie Kapitalallokation und schmälert Synergieeffekte.

Die Lösung ist klar und nimmt in Europa bereits Gestalt an: Eine vertiefte Banken- und Kapitalmarktunion mit grenzüberschreitenden Kapital- und Liquiditäts-Waivern würde bislang blockierte Ressourcen freisetzen. Initiativen wie die AMLA, PSD3/PSR sowie ein vereinfachter EU-Aufsichtsrahmen sorgen dafür, dass regulatorische Komplexität weiter sinkt und ein effizienteres, wettbewerbsfähiges Bankenumfeld in der EU geschaffen wird.

Bis diese regulatorischen Initiativen ihre Wirkung entfalten, bleiben nationale Zusammenschlüsse zwar oft attraktiver – aber die Richtung ist klar: weniger Fragmentierung, mehr Skaleneffekte, bessere Voraussetzungen für grenzüberschreitende Transaktionen, sogenannte Cross-Border-Deals.

Drei Voraussetzungen für Erfolg – aber „es braucht auch Rückenwind aus Europa“

Frage: Was wäre für die Institute wichtig, um erfolgreich zu wirtschaften und zu wachsen?

Marc Poggel: Erfolgreiches Wachstum setzt heute vor allem drei Dinge voraus: nachhaltige Profitabilität, Skaleneffekte realisieren und strategische Klarheit. Institute müssen Kostenstrukturen weiter optimieren, Technologien tief in ihr Geschäftsmodell integrieren und ihr Kapital aktiv steuern.

Aber es braucht auch Rückenwind aus Europa. Der europäische Rahmen muss Cross-Border-Deals deutlich erleichtern. Dafür braucht es eine starke und integrierte Kapitalmarktunion. Nur wenn Wettbewerbspolitik und Regulierung bestehende Hürden abbauen, können europäische Institute im Wettbewerb mit großen Playern aus den USA und Asien dauerhaft bestehen.

Frage: Wie lautet also Dein Ausblick auf die nächsten Monate?

Marc Poggel: Das Jahr 2026 wird ein dynamisches M&A-Jahr, vor allem bei nationalen und regionalen Zusammenschlüssen. Große Deals auf europäischer Ebene bleiben möglich, aber die Ausnahme.

Entscheidend ist jetzt strategische Klarheit: Effizienter werden, Technologie stärken, die eigene Position schärfen, um in der nächsten Konsolidierungswelle zu den Gewinnern zu gehören. Dabei wird Krisenresilienz zum echten Differenzierungsfaktor. Institute müssen beweisen, dass sie geopolitische, operative und technologische Schocks aushalten.

Und – wie so oft im M&A-Geschäft: Wir werden sehen, dass vermeintlich sichere Deals scheitern, während andere plötzlich Realität werden, die niemand auf dem Radar hatte.

Vielen Dank für das Gespräch.