Das Altersvorsorgedepot: Standardisierung und Kapitalmarktnähe
Gefördert werden künftig bis zu 1800 Euro Eigenvorsorge pro Jahr. Das Zulagensystem ist dabei beitragsproportional ausgestaltet: Für jeden selbst eingezahlten Euro erhalten Vorsorgesparer bis zu einer Grenze von 1200 Euro eine staatliche Zulage von 30 Cent. Für weitere 600 Euro beträgt die Förderung 20 Cent je Euro. Insgesamt ergibt sich so eine maximale staatliche Zulage von 480 Euro jährlich.
Familien werden zusätzlich unterstützt: Eltern erhalten pro Kind weitere 25 Cent je Spar-Euro, gedeckelt auf 300 Euro pro Jahr und Kind. Ergänzend ist ein einmaliger Berufseinsteiger-Bonus in Höhe von 200 Euro vorgesehen, um insbesondere junge Erwerbstätige frühzeitig an die kapitalgedeckte Vorsorge heranzuführen.
Würden alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten den maximal förderfähigen Betrag von 1800 Euro jährlich einzahlen und damit die staatliche Zulage von 480 Euro pro Jahr einwerben, ergäbe sich ein potenzielles Marktvolumen von rund 80 Milliarden Euro im Jahr.
Mit der Reform der privaten Altersvorsorge werden keine neuen Riester-Verträge mehr verkauft – für etablierte Anbieter bedeutet das eine Verschiebung der Wertschöpfung: weg von komplexen Produktarchitekturen hin zu skalierbaren, kosten- und prozesseffizienten Modellen.
Was Anbieter jetzt tun sollten
Die Reform führt zu zahlreichen Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Finanzunternehmen, die Altersvorsorgeprodukte anbieten. Erstens erfordern die neuen Regelungen ein neues Verständnis der Kundenbeziehung: Kommunikation und Beratung müssen einfacher werden, stärker auf die Grundprinzipien eines langfristigen Kapitalaufbaus abzielen und digitale Abschluss- und Servicewege noch besser berücksichtigen. Denn die Erwartungshaltung vieler Kundengruppen orientiert sich zunehmend an den Standards moderner Broker- und Banking Apps.
Zweitens müssen sich Finanzunternehmen strategisch neu positionieren. Frühstart- Rente und Altersvorsorgedepot fördern Modelle, die auf Skalierbarkeit, Standardisierung und Kosteneffizienz ausgerichtet sind. Der Wettbewerb verschiebt sich weg von der Produktvielfalt hin zu effizienten Betriebsabläufen, einer hohen Prozessqualität und verständlichen Produkten. Es gilt also, das eigene Produktangebot zu analysieren, Marktpotenziale zu ermitteln und realistische Zielgruppen zu definieren.
Drittens steigen die Anforderungen an die operative und regulatorische Umsetzung erheblich. Hohe Stückzahlen bei vergleichsweise niedrigen Margen machen automatisierte Prozesse, leistungsfähige IT-Systeme, einheitliche Datenmodelle und die konsequente Digitalisierung unverzichtbar.
Eine geringere Produktkomplexität schafft zwar Umsetzungsspielräume, verlangt aber gleichzeitig, regulatorische Vorgaben konsistent und effizient in standardisierte Strukturen einzubetten. Zudem sollten Anbieter bereits jetzt prüfen, ob ihre Produktarchitektur zertifizierungsfähig ist und interne Ressourcen für einen potenziell komplexen Zulassungsprozess einplanen.
Denn nur zertifizierte Produkte können künftig staatliche Förderung erhalten, was über den Marktzugang und die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.
Das bedeutet die Reform für unterschiedliche Marktakteure
Asset Manager können neue Kundengruppen erschließen: Für Asset Manager entsteht mit den gesetzlichen Neuerungen ein attraktiver zusätzlicher Markt: Sie dürfen auf stärkeren Absatz von fondsbasierten Produkten hoffen. Denn die Reform stärkt kapitalmarktorientierte Lösungen und erhöht die Nachfrage nach skalierbaren, kosteneffizienten Investmentarchitekturen. Asset Manager können ihre Kernkompetenzen direkt in die neue Vorsorgelandschaft einbringen, wenn sie vor allem drei Punkte angehen:
- Skalierbare Investmentarchitekturen: Breite, kosteneffiziente Fonds- und ETF-Plattformen werden essenziell, da beide Vorhaben eine hohe Prozessautomatisierung und Standardisierung voraussetzen.
- White-Label-Lösungen: Banken und Versicherer benötigen kapitalmarktorientierte Module – ein Markt für Fonds Advisory, White-Label-Portfolios und Mandatslösungen entsteht.
- Zugang zu neuen Kundengruppen: Depotbasierte Vorsorgelösungen erschließen Millionen langfristig orientierter Sparer – vergleichbar mit dem Markt für ETF-Sparpläne, aber stabiler reguliert.
Banken müssen in das digitale Kundenerlebnis investieren: Für Banken passen beide Vorhaben grundsätzlich gut zum Retail-Kerngeschäft: Depotführung, Kapitalmarktanbindung und Prozessautomatisierung gehören zu ihren etablierten Stärken. Gleichzeitig steigt die Bedeutung digitaler Abläufe und skalierbarer Serviceprozesse:
- Die Prozessautomatisierung und eine effiziente Vertrags- und Kundenverwaltung in großer Stückzahl werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.
- Kunden erwarten App-ähnliche Nutzererlebnisse. Banken müssen Standards aus dem Wertpapierhandel auf Vorsorgeprodukte übertragen.
- Cross-Selling-Potenziale: Das Altersvorsorgedepot schafft für Banken Anschlussmöglichkeiten zum Wertpapiersparen, zur Vermögensverwaltung und auch zum Zahlungsverkehr oder zum Kredit.
Ein grundlegender Wendepunkt für Versicherer: Für Versicherer erhöhen die stärkere Kapitalmarktorientierung und die Standardisierung der Vorsorgemodelle den Anpassungsbedarf deutlich. Gleichzeitig entsteht die Chance, strukturelle Stärken in moderne, digital erlebbare Vorsorgemodelle zu überführen. Was jetzt zu tun ist:
- Ausrichtung auf kapitalmarktnahe Vorsorgelogik: Produkte müssen einfacher, modularer und transparenter werden, um sich stärker an kapitalmarktnahen Erwartungen auszurichten.
- Digitale Abschlüsse, papierfreie Verwaltung und Wertdarstellungen in Echtzeit sind die Voraussetzungen dafür, mit depotbasierten Plattformen mithalten zu können.
- Produkt- und Garantiestrukturen modernisieren: Garantien werden stärker modular, optional und effizient gestaltbar – und komplexe Konstruktionen verlieren an Relevanz.
Anbieter von Vorsorgeprodukten stehen vor großen Transformationsaufgaben
Mit der Frühstart-Rente und dem Altersvorsorgedepot entsteht ein neues Fundament für die private Altersvorsorge in Deutschland. Die Reform stärkt den Kapitalmarktbezug und wird die Produktlandschaft vereinfachen. Für Anbieter in der Finanzindustrie werden Standardisierung, Effizienz und digitalisierte Kundenbeziehungen zu zentralen Erfolgsfaktoren.
Alle Marktakteure – Asset Manager, Banken und Versicherer – stehen vor weitreichenden Transformationsaufgaben. Wer sie jetzt anpackt, kann sich im künftigen Vorsorgemarkt wirkungsvoll positionieren. Für Versicherer gilt das in besonderem Maße: die Fähigkeit, ihre Stärken in moderne, digitale und kundenorientierte Modelle zu überführen, wird über ihre Position im neuen Vorsorgesystem entscheiden.
Dieser Text entstand unter Mitwirkung von Mathis Frömel und Franziska Reingen.