Vision Kreditprozess 2030

Wie Banken ihren Kreditprozess zukunftsfähig ausgestalten.

Keyfacts:

  • Weiter zunehmende Regulatorik sorgt für zusätzliche Prozessschritte im Kreditwesen und reduziert bereits erreichte Effizienzgewinne bei den Instituten.
  • ESG-Reportingpflichten, das derzeitige makroökomische Umfeld und die digitale Transformation sind weitere Fokusthemen, die Banken herausfordern.
  • Im Interview diskutieren unsere Experten Möglichkeiten, die Zukunftsthemen rund um den Kreditprozess frühzeitig anzugehen.

Die regulatorischen Anforderungen an das Kreditgeschäft sind in den letzten Jahren immer umfangreicher und komplexer geworden. Die EBA-Leitlinien zur Kreditvergabe und -überwachung, Future of IRB, CRR III oder die MaRisk-Novellierung sind nur einige Beispiele dafür. Die zunehmenden Anforderungen und ihre Implementierung führen zu erhöhten Prozessaufwänden, die in einem steigenden Maße auch Personalkapazitäten binden. Gleichzeitig verspricht künstliche Intelligenz (KI), insbesondere durch Automatisierung in den Prozessen, Ressourcen effizienter nutzen zu können.

Im Interview mit unseren Experten Daniel Demleitner, Hendrik Meier und Pascal Stolz wird deutlich, dass eine reine Erfüllung der regulatorischen Mindestanforderungen nicht mehr ausreichen wird, um den zukünftigen Herausforderungen im Kreditgeschäft zu begegnen. Ein effizient ausgestalteter, digitalisierter Kreditprozess wird zum Dreh- und Angelpunkt für Banken, um ihre Zukunftsfähigkeit sicherzustellen.

Herausforderungen für den Kreditprozess der Zukunft

Frage: Wie ist eure Herangehensweise für die Weiterentwicklung von Kreditprozessen?

Daniel Demleitner: In unseren Projekten im Finanzsektor arbeiten wir eng mit Entscheidungsträgern verschiedener Banken zusammen. Wir beschäftigen uns frühzeitig damit, welche Weichen gestellt werden können, um Prozesse effizienter zu gestalten sowie zukünftige regulatorische und volkswirtschaftliche Entwicklungen zu antizipieren. Außerdem schauen wir uns an, welche Möglichkeiten sich durch künstliche Intelligenz ergeben, um den Kreditbereich zukunftsfähig auszurichten. Bei der Vielzahl an herausfordernden Themenfeldern ist es wichtig, einen ganzheitlichen Lösungsansatz zu wählen, statt Themen isoliert anzugehen.

Aus diesem Grund haben sich verschiedene Expert:innen von KPMG im Rahmen der Zukunftsvision Future of Credit zusammengefunden und ihre Expertise aus unterschiedlichen Disziplinen und Fachbereichen unter der Leitfrage Wie wird der Kreditprozess im Jahr 2030 aussehen? gebündelt.

Für unsere Kunden haben wir aus ihrer Perspektive geprüft, welche aktuellen Entwicklungen und technischen Möglichkeiten geeignet sind, um die notwendige Weiterentwicklung des Kreditprozesses voranzutreiben.

Frage: Welche Themen beschäftigen derzeit unsere Kunden?

Pascal Stolz: Um genau zu verstehen, wo es die größten Herausforderungen bei unseren Kunden gibt und welche Veränderungen und Auswirkungen sie bis 2030 erwarten, haben wir eine Umfrage durchgeführt und nach aktuellen Fokusthemen und Handlungstreibern gefragt.

Alle Befragten erwarten, dass Kreditrisiken bis 2030 steigen werden und die Umsetzung regulatorischer Anforderungen die größte Herausforderung bleiben wird. Die Digitalisierung, das makroökonomische Umfeld, Zinsrisiken sowie Nachhaltigkeit und ESG konnten wir als zusätzliche Fokusthemen identifizieren, aus denen sich weitere Anforderungen ergeben.

Hendrik Meier: Beim Thema Nachhaltigkeit und ESG zeigt sich, dass sich viele Banken noch in der Umsetzung der Anforderungen der EU-Taxonomie und der Reportingpflichten der CSRD befinden.

Mit Blick auf die Digitalisierung und deren Regulierung hat sich die EU Ende 2023 auf den AI Act geeinigt, der Standards zum Umgang mit künstlicher Intelligenz definiert. Diese Verordnung wirkt sich auch auf Banken aus, die Prozesse immer weiter automatisieren und künstliche Intelligenz dazu nutzen, Unterlagen und Daten auszuwerten. Es ist zu erwarten, dass auch im Rahmen von weiteren Novellen dieses Thema mit steigender Relevanz aufgenommen wird.

Auch das derzeitige makroökomische Umfeld wird mit Fokusthemen für Sonderprüfungen oder aufsichtsrechtlichen Publikationen immer öfter zum Thema. So sind Finanzinstitute zur Wachsamkeit in Bezug auf Inflationsrisiken und die Zinspolitik aufgerufen. Sowohl Risiken der Asset-Quality als auch die Bildung der Risikovorsorge sollten engmaschig überwacht werden.

Frage: Wie wirken sich die makroökonomischen Einflussfaktoren und damit einhergehend steigende Risiken auf Banken aus?

Pascal Stolz: Infolge der drastisch gestiegenen Inflation hob die Europäische Zentralbank (EZB) in mehreren sehr schnell aufeinanderfolgenden Schritten den Leitzins an. Vorerst werden nun die Effekte dieser Zentralbankpolitik beobachtet. Die deutsche Inflation schwächte sich zuletzt nach einem Ausreißer ab, wobei die Eurozone diesem Muster folgte. Inflationsdämpfend wirkten die Energiepreise, während die Nahrungsmittelpreise weiterhin steigen.

Ob es sich hierbei um einen rückläufigen Trend handelt oder ob die Währungshüter der EZB zu weiteren Maßnahmen greifen, wird sich zeigen – Expert:innen erwarten erste Zinssenkungen zum Ende des ersten Halbjahres.

Kapitalintensive Branchen wie die Immobilienbranche, die bislang von der Niedrigzinsphase profitiert haben, befinden sich bereits im Krisenmodus. Kreditnehmer, die bislang günstig Kredite aufnehmen konnten, stehen nun vor deutlich höheren Zinsen und erreichen damit die Grenze ihrer Finanzierungsfähigkeit. Demgegenüber stehen Banken, die Risiken neu bewerten, Kreditnehmer ablehnen und Bestandskredite zu deutlich strengeren Anforderungen und kostenintensiveren Konditionen nach Ablauf der Zinsfestschreibung weiterbegleiten. Das Risiko für den zukünftigen Kapitaldienst oder die Refinanzierung steigt deutlich. Steigende Ausfälle und Verluste sind bereits heute ersichtlich.

Handlungsfelder für den Kreditprozess der Zukunft

Frage: Welche Handlungsfelder ergeben sich durch die Digitalisierung?

Daniel Demleitner: Ziel ist es, die digitalen Tools sinnvoll zu nutzen, um Prozesse zu automatisieren, Kosten zu senken, das Kundenerlebnis zu verbessern und langfristig die Resilienz zu erhöhen.

Für den Kreditprozess der Zukunft ist es bereits heute wichtig, Handlungsfelder in den eigenen Arbeitsabläufen und Prozessen zu identifizieren, in denen die bestehenden digitalen Lösungen eingesetzt werden. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, frühzeitig die Infrastruktur dafür zu schaffen, um langfristig strategische Vorteile auszuschöpfen, die die Wettbewerbsfähigkeit sichern und auch den Kreditprozess 2030 resilient gestalten.

Frage: Welche Handlungsfelder ergeben sich durch Nachhaltigkeit?

Hendrik Meier: Für die Messung von Klimarisiken der Kreditnehmer, ihrer Engagements und Sicherheiten sind spezielle Scores zu entwickeln, die die Vergleichbarkeit im Portfolio ermöglichen.

Der Trend der ganzheitlichen Erhebung und Auswertung von Kundendaten beschleunigt sich zunehmend. Kunden, die sich frühzeitig positioniert haben, profitieren infolge der zur Verfügung stehenden Dateninfrastruktur von einer verbesserten Risikobepreisung und Steuerung im Kreditbuch. Die automatisierte Auswertung der Daten mit wenig manuellem Eingriff bei einfach strukturierten Kreditanfragen, bietet einen maßgeblichen strategischen Vorteil. Größtes Hindernis für den digitalen Erfolg sind aktuell fehlende Datensysteme und Kommunikationsstrukturen zwischen den verschiedenen digitalen Modulen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Gut aufgestellt für kommende Herausforderungen: Das Risikomanagement für Banken und Versicherungen weitergedacht.

Chief Risk Officer (CRO) in Banken, Versicherungen, Asset Managern und Immobilienunternehmen stehen unter Druck. Auf der einen Seite nehmen die regulatorischen Anforderungen und die Erwartungen interner Stakeholder an das Risikomanagement seit Jahren stetig zu. Es gilt, immer mehr Risiken und Risikotreiber zu erkennen, zu bewerten und zu steuern. Immer häufiger sind Stresstests und Analysen durchzuführen, und immer umfassender soll die Risikoorganisation über die entwickelten Aktivitäten berichten.

Auf der anderen Seite kann sich auch das Risikomanagement dem Effizienzdruck in der Finanzindustrie nicht entziehen. Es muss seine finanziellen und personellen Ressourcen kontinuierlich hinterfragen und Beiträge zu den unternehmensweiten Kostenzielen leisten. Auch eine klar erkennbare Ausweitung der regulatorischen Anforderungen reicht nicht aus, um hohe Kosten oder gar eine Aufstockung des Personals zu rechtfertigen – ein schwieriges Spannungsfeld.

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