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Lehman-Moment an den Kryptomärkten?

Was die Insolvenz einer der größten Kryptobörsen für die Finanzbranche bedeutet

Keyfacts:

  • Die Pleite der Kryptobörse FTX hat an den Kryptomärkten ein Beben ausgelöst: Innerhalb kürzester Zeit sank der Gesamtwert aller Kryptowährungen um mehr als 200 Milliarden US-Dollar.
  • In der Kryptoszene wird von einem möglichen Lehman-Effekt gesprochen, der weitere Insolvenzen und Turbulenzen auslösen könnte.
  • Für etablierte Finanzunternehmen bietet die Krise auch Chancen: Sie bringen die nötige Erfahrung für regulierte Investments mit und könnten mit strategischen Erweiterungen ihres Geschäftsmodells Marktanteile im Kryptoumfeld gewinnen.

Eine Kryptobörse kollabiert: Was ist passiert?

Für die Branche ist es ein Erdbeben: Mit FTX hat eine der weltgrößten Kryptobörsen Insolvenz beantragt: Das Unternehmen, das nach eigenen Angaben zuletzt ein durchschnittliches tägliches Handelsvolumen von rund 10 Milliarden US-Dollar verzeichnete, meldete am 11. November 2022 seine Zahlungsunfähigkeit an.

Es ist nicht die erste turbulente Phase in diesem Jahr für Kryptounternehmen. Erst im Sommer sorgte ein Kollaps der Kryptowährung Terra (LUNA) und des dazugehörigen Unternehmens Terraform Labs für erhöhte Volatilität an den Kryptomärkten. Und die Pleite des Kryptoverleihers Celsius Network sorgte ebenfalls für Erschütterungen.

Auch im Falle der FTX-Insolvenz verloren Bitcoin, Ether und Co. rund 200 Milliarden US-Dollar ihrer Marktkapitalisierung. Und nun geht die Angst um, dass dieser Absturz auf weitere Unternehmen abstrahlt und so hat beispielsweise die Kryptobank BlockFi vorerst die Entnahme von Kundengeldern ausgesetzt.  Darüber hinaus setzen als Reaktion auf die Entwicklungen der letzten Tage weitere Kryptobörsen vermehrt darauf, Auszahlungen von Kundengeldern zu stoppen. Neben den direkten Effekten auf Privatkundinnen und Privatkunden sind auch Risikokapitalgeber, die in FTX investiert hatten, betroffen und müssen Vermögenswerte in dreistelliger Millionenhöhe abschreiben.

Wie weit geht die Kettenreaktion?

Die Kettenreaktion im Kryptoökosystem scheint nach aktuellem Stand dennoch nicht auf die traditionellen Finanzmärkte abzustrahlen. An den relevanten Leitindizes wie dem Deutschen Aktiennidex (DAX) oder dem S&P 500 konnten keine wesentlichen oder auffälligen Marktbewegungen beobachtet werden. Vielmehr stehen derzeit geopolitische Ereignisse rund um den Angriffskrieg in der Ukraine und die hohen Inflationszahlen im Vordergrund des Börsengeschehens.

Dennoch ist zu erwarten, dass die Insolvenzen und Volatilitäten dem Vertrauen in die Kryptobranche nachhaltig schaden. Für Krypto als Anlageklasse könnte dies bedeuten, dass Investorinnen und Investoren Kryptowährungen weiterhin lediglich als opportunistische Beimischung betrachten und keine größeren Volumina investieren werden. Der Vertrauensverlust sorgt auch dafür, dass Kooperationen zwischen der traditionellen und der neuen Finanzwelt abrupt auf Eis gelegt werden: So hatten FTX und Visa erst Anfang Oktober eine erweiterte Partnerschaft angekündigt, die unter anderem die Einführung von kontogebundenen Visa-Karten in 40 neuen Ländern vorsah – dieses Projekt wurde nun aufgrund der Vorkommnisse beendet.

Die Chancen der neuen Technologie nicht aus dem Blick verlieren

Dennoch sollten Banken und Asset Manager weiter offen die Möglichkeiten des Blockchain- Ökosystems diskutieren und Opportunitäten eruieren. Insbesondere sollte die Finanzindustrie die folgenden Evolutionsstufen und die jeweils damit verbundenen Chancen genau im Auge behalten:

  • Tokenisierung vergrößert das Anlageuniversum:
    Die Tokenisierung bietet die Möglichkeit, vorher nicht oder nur schwer investierbare Vermögenswerte wie Gemälde, Musikrechte oder Oldtimer einer breiten Kundengruppe zugänglich zu machen und so gänzlich neue Investmentprodukte aufzusetzen. Damit könnten nicht nur neue Kundinnen und Kunden angesprochen, sondern auch neue Ertragspotenziale gehoben werden.
  • Tokenisierung MiFID-2-regulierter Wertpapiere:
    Darüber hinaus bieten die aktuellen regulatorischen Rahmenbedingungen bereits die Möglichkeit, das Geschäftsmodell von Banken und Asset Managern um Tätigkeiten mit Kryptokontext zu erweitern. Nach dem eWpG ist bereits jetzt die Emission tokenbasierter Anleihen und Fondsanteile möglich. Darüber hinaus soll das Zukunftsfinanzierungsgesetz die Emission tokenisierter Aktien ermöglichen.
  • Die Blockchain als revolutionäre Technologie für die Finanzbranche: Die Distributed Ledger Technologie (DLT) mit ihren Eigenschaften der Dezentralität, der Irrereversibilität und der Transparenz bietet die Möglichkeit, Back- und Middle-Office in der Finanzwelt zu revolutionieren. Vermögenswerte werden zu sogenannten Smart Assets und können beispielsweise komplette Prozessketten wie die Fondspreisberechnung, Dividenden und Coupon-Zahlungen auf der Blockchain abbilden. Dadurch könnten Prozesse stärker digitalisiert und automatisiert werden. Zudem wären Informationen zu den Fonds, etwa aktuelle Fondspreise, für Investor:innen jederzeit abruf- und einsehbar.

Die Regulierung geht in die richtige Richtung

Auch wenn aktuell noch wichtige regulatorische Rahmenbedingungen wie die Verabschiedung des Zukunftsfinanzierungsgesetzes fehlen, um die Blockchain-Technologie und die damit verbundenen Möglichkeiten in der Breite auszurollen, gehen die Regulierungsbestrebungen derzeit in die richtige Richtung und ermöglichen schon heute eine Erweiterung des Geschäftsmodells.

Auch mit der Regulation on Markets in Crypto-Assets (MiCA) werden einheitliche Rahmenbedingungen geschaffen, um über zusätzliche Transparenz- und Offenlegungspflichten die Sicherheit im Kryptouniversum zu erhöhen. Die Verordnung soll Regelungen für die Emission und den Handel mit Kryptoassets, die Aufsicht von Emittenten von Kryptoassets einschließlich  der damit verbundenen ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation, der Verbraucherregelungen für den Handel und die Verwahrung von Kryptoassets sowie Vorschriften zur Bekämpfung von Marktmissbrauch an Kryptobörsen beinhalten. Damit wird Europa eine Vorreiterstellung für die Regulierung von Kryptowerten weltweit einnehmen. Für die Branche bedeutet das: Es können regulatorische Blaupausen zur Berücksichtigung in der Weiterentwicklung der Geschäftsstrategie entwickelt werden. Es ist zu hoffen, dass damit sowohl Privatkundinnen und Privatkunden als auch institutionelle Investorengruppen und traditionelle Finanzunternehmen das Vertrauen in das Kryptouniversum zurückgewinnen werden.

Damit die Finanzbranche die Blockchain-Technologie in ihr Betriebsmodell überführen und entlang der gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigen kann, sind ebenfalls weiterführende rechtssichere Rahmenbedingungen notwendig, die über die jetzigen Gesetze und Verordnungen hinausgehen. Mit dem DLT Pilot Regime wurde ein erster Grundstein für eine Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle hin zu Tätigkeiten im Kryptoumfeld gelegt.

Krypto bietet weiterhin vielseitige Chancen für die Finanzbranche

Trotz der aktuellen Turbulenzen in der Kryptowelt sollte die Finanzbranche der Technologie und den neuen Produktmöglichkeiten nicht kategorisch den Rücken kehren. Vielmehr sollte untersucht werden, wie sie sich in Zukunft entwickeln kann. Hier kann die Finanzbranche interessante Geschäftsmodelle aufbauen und Opportunitäten frühzeitig nutzen. Insbesondere etablierte Marktteilnehmer mit umfassenden Erfahrungen im Bereich Risikomanagement können die Nachfrage nach regulierten Investmentmöglichkeiten mit Kryptokontext nutzen und dort maßgeschneiderte Produkte für die Investorinnen und Investoren von morgen anbieten. Damit bleiben sie nicht nur zukunftsfähig, sondern können auch wichtige Marktanteile gewinnen. Darüber hinaus kann die DLT als Technologie genutzt werden, um Prozessketten vollständig zu automatisieren. All diese Chancen sollten auf jeder strategischen Agenda ganz oben stehen und hinsichtlich ihres jeweiligen Nutzens genau betrachtet werden.

 

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