Keyfacts:
- Viele Unternehmen sehen gravierende geopolitische Risiken, aber nur wenige arbeiten mit systematischen Forecasting-Modellen.
- Die Münchner Sicherheitskonferenz hat gezeigt: USA, Europa und China verändern ihre globalen Rollen. Unternehmen sollten diese Verschiebungen in Szenarien abbilden.
- Wer geopolitische Entwicklungen vorausschauend analysiert, schafft die Basis für robuste strategische Entscheidungen.
Für eine Studie haben wir Führungskräfte aus rund 350 Unternehmen gefragt, welchen Einfluss geopolitische Entwicklungen und Risiken auf Geschäftsprozesse sowie Strategie haben. Die Ergebnisse zeigen: 58 Prozent der Befragten fühlen sich stark oder sehr stark von geopolitischen Risiken betroffen. Gleichzeitig betreiben nur 25 Prozent systematisches Forecasting. Die Lücke zwischen Wahrnehmung und Reaktion ist also erheblich.
Wie elementar sich die Bedeutung von Geopolitik für wirtschaftliche Weichenstellungen in den vergangenen Jahren geändert hat, verdeutlicht ein Zitat vom einem der befragten Entscheidungsträger: „Wenn man vor fünf Jahren das Wort Geopolitik in den Mund genommen hätte, hätten viele gesagt: Worüber reden wir hier? Heute ist das Thema auf jeder Vorstands-Agenda.“
Weitere Zitate und Ergebnisse können Sie in unserer Studie nachlesen:
Navigating Geopolitics – Risikomanagement, Forecasting und Best Practices
Geopolitik als kritischer Erfolgsfaktor für Wettbewerbsfähigkeit
Geopolitik ist kein Randthema mehr, sondern ein strategischer Kernfaktor. Ich habe von der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) 2026 drei Beobachtungen mitgenommen, die verdeutlichen, wie sich geopolitische Konstanten verschieben und welche Variablen Unternehmen in ihre Analysen einpreisen sollten.
1. Die USA wirken versöhnlicher, aber nur an der Oberfläche
Die Rede des US-Außenministers Marco Rubio wirkte höflicher und diplomatischer als die von US-Vizepräsident J.D. Vance im vergangenen Jahr. Trotzdem wurde klar, dass sich an den politischen Grundlinien der USA wenig ändern dürfte. Rubio unterstrich, dass Washington erwartet, dass Europa dem Kurs von US-Präsident Donald Trump folgt. Die MAGA-Agenda prägt unverändert die Außenpolitik der USA. Für Unternehmen bedeutet das: Mit transatlantischer Stabilität ist weiterhin nicht zu rechnen. In Handels-, Technologie- und Verteidigungspolitik bleiben strukturelle Spannungen bestehen. Damit steigt der Druck auf Unternehmen, US-Abhängigkeiten und Single-Source-Risiken in Technologie, Cloud-Infrastruktur sowie Absatzmärkten neu zu bewerten.
2. Europa arbeitet an mehr Souveränität
Sowohl die Aussagen der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas als auch die Eröffnungsrede von Bundeskanzler Friedrich Merz auf der MSC zeigen: Die Weltordnung ändert sich und Europa steht am Beginn eines Strukturwandels. Merz stellte fest: „Diese Ordnung, so unvollkommen sie selbst zu ihren besten Zeiten war, sie gibt es so nicht mehr“. In Brüssel und in den Hauptstädten Europas wird intensiv an einer neuen europäischen Handlungsfähigkeit gearbeitet – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und technologisch.
Europäische Souveränität entwickelt sich zum politstrategischen Nordstern mit den zentralen Maßnahmen, darunter:
- Umsetzung einer Kapitalmarktunion
- Bestrebungen nach technologischer Unabhängigkeit
- Ausbau verteidigungspolitischer Fähigkeiten
Für Unternehmen entstehen daraus zwei Konsequenzen:
- Neue europäische Standards, Förderarchitekturen und Regulierungsrahmen werden wahrscheinlicher.
- Unternehmen, die frühzeitig auf europäische Wertschöpfungsnetzwerke setzen, verschaffen sich Alternativen zu zunhemend instabilen globalen Lieferketten