Meereslandschaft, Solarflächen, Windräder

Wie Unternehmen 2026 auf Strompreise und Netzausbau reagieren sollten

Zukunft der Energie in Deutschland: Was jetzt zu priorisieren ist.

Keyfacts:

  • Die Umsetzung der Energiewende läuft nicht im Gleichschritt mit den politischen Ambitionen.
  • Das Sondervermögen schafft selektive Chancen, erfordert aber frühzeitige Vorbereitung.
  • Der Industriestrompreis wirkt nur befristet, langfristig zählt ein optimiertes Energiemanagement.

Ein politischer Kraftakt mit vielen offenen Fragen

Die Bundesregierung setzt 2026 auf ein gewaltiges Sondervermögen, neue Beschleunigungsgesetze und eine Kraftwerksstrategie, um Versorgungssicherheit und Klimaneutralität bis 2045 zu sichern. Doch der zuletzt veröffentlichte Monitoringbericht zeigt: Die Energiewende läuft nicht im Gleichschritt mit den politischen Ambitionen. Die Prognose der Bundesregierung des erwarteten Stromverbrauchs fällt deutlich geringer aus als in den bisherigen Prognosen. Zentrale Infrastrukturprojekte geraten ins Stocken, weil der regulatorische Rahmen nicht hinreichend klar ist. Für Unternehmen entsteht ein Spannungsfeld zwischen politischen Vorgaben und realwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Eine juristische Einordnung der zentralen Rechtsgrundlagen liefern ergänzend die Rechtsexperten Marc Goldberg und Sina Glahn (beide KPMG Law) in ihrem Beitrag „Energie im Koalitionsvertrag 2025: Das plant die künftige Regierung“.

Monitoringbericht*: Die Energiewende hängt am Netz

* Der Monitoringbericht zur Energiewende ist ein im Auftrag des BMWE veröffentlichter Jahresbericht, welcher den aktuellen Stand der Energiewende analysiert.

Der Bericht zeigt deutlich, dass die Energiewende durch langsame Genehmigungen, Verzögerungen beim Netzanschluss und fehlende Synchronisation von Ausbau erneuerbarer Energien, Flexibilitäten und Netzen gebremst wird. Der schnelle Ausbau der Erneuerbaren in den letzten Jahren verlangt jetzt eine zügige Anpassung des Systems. Weil Netze nicht sofort gebaut werden können, sind kurzfristig alternative Lösungen nötig. Expertinnen und Experten warnen: Ein ausgebremster Ausbau der erneuerbaren Energien bedeutet höhere Strompreise und weniger Planungssicherheit für Investoren.

Auch der Wasserstoffhochlauf bleibt hinter den Erwartungen. Hohe Kosten, unsichere Nachfrage und fehlende Import- und Netzinfrastrukturen sorgen dafür, dass Wasserstoff für viele Branchen weiterhin Vision statt Geschäftsgrundlage bleibt.

Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen soll Transformation und Infrastruktur finanzieren – doch wie Mittel verteilt werden, bleibt oft unklar. Ein wesentlicher Teil der Gelder, die für die Energiebranche bereitgestellt werden, wird – neben wichtigen Maßnahmen zur kurzfristigen Stabilisierung der Verbraucherpreise – konsumtiv eingesetzt (vgl. folgenden Abschnitt zum Industriestrompreis). Gleichzeitig stehen dafür die Mittel zur Förderung langfristig erfolgstragender Investitionen für Unternehmen begrenzt zur Verfügung und deren Akquise ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Länder und Kommunen erhalten gewisse Spielräume, dennoch fehlen verbindliche Prioritäten. Unternehmen spüren bereits jetzt, dass der Wettbewerb um Fördermittel hoch sein wird. Wer von Energiewende-Investitionen profitieren will, braucht Projekte, die förderreif und strategisch sauber vorbereitet sind.

Industriestrompreis: Entlastung mit Ablaufdatum*

*Eine ausführliche Einordnung der Funktionsweise, Förderkriterien und Beschaffungsimplikationen des Industriestrompreises finden Sie im ergänzenden FAQ zu den wichtigsten Fragen rund um die neue Entlastungsregelung.

Der Industriestrompreis bietet selektive Entlastung für besonders stromintensive Unternehmen. Er verspricht kurzfristige Kostenbegrenzungen, löst aber keine strukturellen Probleme. Die Maßnahme gilt nur für begrenzte Strommengen, ist an klimafreundliche Investitionen gekoppelt und läuft spätestens 2030 aus. Für viele Betriebe heißt das: Energiebeschaffung und Energieeffizienz müssen zum zentralen Bestandteil der Geschäftsstrategie werden.

Unternehmen brauchen Strategien gegen Unsicherheit

Die Energiepolitik sendet Signale, aber sie bietet keine klare Route. Unternehmen sollten daher eigene Antworten entwickeln, um potenziellen Steigerungen der Energiepreise entgegenzuwirken und regulatorische Neuerungen stets im Blick zu behalten. Flexibilitäten wie Batteriespeicher, Demand Side Management oder eigene Erzeugung erneuerbarer Energien werden zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil. Ebenso wichtig ist ein professionelles Fördermanagement: Viele Programme starten bereits rückwirkend zum Jahresbeginn 2026, doch antragsbereit zu sein, ist für Unternehmen schon heute essenziell.

Fazit: Transformation braucht Tempo – und entschlossene Unternehmen

Deutschland geht 2026 zwar wichtige Schritte, doch es bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit. Entscheidend bleibt, ob zentrale energiewirtschaftliche Herausforderungen – wie ausreichende Anreize zur Dekarbonisierung und der Ausbau der Infrastruktur in den Bereichen Erzeugungsanlagen, Flexibilitäten und Netze – von der Politik tatsächlich angemessen adressiert werden.

Unternehmerische Eigeninitiative, Resilienz und strategische Flexibilität sind heute wichtiger denn je. Dennoch bleibt entscheidend, dass Energiepolitik, Energiewirtschaft und Unternehmen gemeinsam einen klaren Rahmen schaffen, der Investitionsanreize und Sicherheit bietet – nur dann entsteht nachhaltiger Fortschritt.

FAQ zum Industriestrompreis

1. Was ist der Zweck des Industriestrompreises?

Der Industriestrompreis soll stromintensive Unternehmen gegen hohe Strompreise absichern und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken. Er ergänzt bestehende Entlastungsmechanismen wie reduzierte Stromsteuer, stabilisierte Netzentgelte und Strompreiskompensation. Dabei ist zu beachten, dass der Industriestrompreis auf einer Förderrichtlinie beruhen wird. Aktuell liegt keine Entwurfsfassung aus der Branche vor; eine offizielle Veröffentlichung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) steht bislang aus.

 

2. Macht der Industriestrompreis bestehende Beschaffungs- und Absicherungsinstrumente überflüssig?

Nein. Die Entlastung des Industriestrompreises ist auf 50 Prozent der Stromkosten gedeckelt. Daher muss weiterhin mindestens die Hälfte der Stromkosten kosteneffizient über bestehende Instrumente wie Futures, Forwards oder Power Purchase Agreements (PPA) abgesichert werden. Zudem ist die Entlastung unabhängig von den individuellen Lieferverträgen – Unternehmen erhalten den gleichen relativen Vorteil.

 

3. Welche Unternehmen sind förderberechtigt?

Förderfähig sind Unternehmen aus besonders stromintensiven Branchen mit hohem Verlagerungsrisiko gemäß der KUEBLL-Branchenliste der EU, die bestimmt, wer Zugang erhält. Unternehmen außerhalb dieser Liste erhalten keine Förderung aus dem Industriestrompreis und müssen sich um andere Entlastungen bemühen.

 

4. Wie lange gilt der Industriestrompreis?

Er ist für die Jahre 2026 bis 2028 vorgesehen. Danach ist keine automatische Folgeregelung geplant.

 

5. Welche Risiken entstehen durch die Befristung?

Da der Industriestrompreis zeitlich begrenzt ist und Unternehmen weiterhin erhebliche Beschaffungsmengen selbst absichern müssen, bleibt eine robuste, langfristige Beschaffungsstrategie entscheidend.

6. Gibt es Mindestmengen oder Verbrauchsschwellen?

Nein. Der aktuelle Entwurf sieht keine Mindestverbrauchsmenge vor. Es zählt ausschließlich die tatsächlich selbstverbrauchte Strommenge der Abnahmestelle. Weitergeleitete Mengen oder Drittverbrauch werden nicht berücksichtigt.

 

7. Welche ökologische Gegenleistung müssen Unternehmen erbringen?

Unternehmen müssen mindestens 50 Prozent der erhaltenen Beihilfe in Maßnahmen investieren, die die Kosten des Stromsystems senken – ohne fossile Energieträger zu erhöhen. Beispiele sind Eigenerzeugung erneuerbarer Energie, Effizienzmaßnahmen, Elektrifizierung oder neue PPAs:

  • PPAs: Häufig sinnvolle Beimischung (20–30 Prozent) zur Absicherung und als anrechenbare Gegenleistung.
  • Eigenerzeugung: Senkt Netzentgelte; durch den Industriestrompreis werden auch grenzwertige Projekte realisierbar.
  • Batteriespeicher: Ergänzen die Eigenerzeugung, reduzieren Lastspitzen und ermöglichen bedarfsgerechte Nutzung eigener PV-Erzeugung.

 

8. Verändert der Industriestrompreis die Strombeschaffung grundsätzlich?

Nein, die Beschaffung selbst bleibt unverändert relevant. Da die Entlastung nicht mit individuellen Verträgen verknüpft ist, müssen Unternehmen ihre Beschaffung weiterhin effizient ausrichten. Allerdings beeinflussen die geforderten ökologischen Gegenleistungen langfristig die Struktur der Energieversorgung, zum Beispiel durch mehr Eigenerzeugung oder PPAs.