Mann steht mit seinem geöffneten Laptop in einem Datenzentrum.

Digitale Souveränität als Business Case

Strategien für mehr Unabhängigkeit, Innovationskraft und Resilienz.

Keyfacts:

  • Digitale Souveränität entscheidet über strategische Handlungsfähigkeit in datengetriebenen Geschäftsmodellen.
  • Digitale Souveränität ist eine Führungs- und Architekturentscheidung.
  • Kontrolle über Daten, Identitäten und Schlüssel ist ein zentraler Baustein moderner Cyber-Resilienz.

Die Debatte um digitale Souveränität in Deutschland wird oft emotional und defensiv geführt – es geht um einen Ruf nach Abschottung oder protektionistische Reflexe. Diese Sichtweise greift unserer Meinung zu kurz und ist strategisch gefährlich. Digitale Souveränität ist kein Isolationismus, sondern ein ökonomisch und sicherheitspolitischer Business Case. 

In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Cloud Computing die Grundlage in etlichen Branchen bilden, stellt sich für Unternehmen nicht mehr die Frage, ob Souveränität relevant ist, sondern wie sie operativ umgesetzt wird.  

Digitale Souveränität im Unternehmen: Drei zentrale Handlungsfelder

Der KPMG Cloud-Monitor  belegt, dass die deutsche Wirtschaft diesen Bedarf erkannt hat: Für 58 Prozent der Unternehmen ist eine souveräne Cloud inzwischen unverzichtbar, ein Anstieg von neun Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr.  

Entscheidend ist nun, digitale Souveränität aus der politischen und regulatorischen Debatte herauszulösen und als strategische Management- und Architekturfrage zu begreifen. Im Folgenden skizzieren wir drei zentrale Handlungsfelder, mit denen Unternehmen Souveränität systematisch in einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil überführen können.  

1. Souveränität als Hebel zur kommerziellen Diversifikation 

Lange galt die Cloud als reiner Kostensenker. Doch dieser Effekt flacht ab. Unser Report zeigt, dass zwar noch 61 Prozent der Unternehmen Kosteneinsparungen realisieren, dieser Wert jedoch sinkt. Hier greift eine Logik, die der renommierte Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz bereits 2023 treffend als The Cost of Cloud: A Trillion Dollar Paradox beschrieb: Die Cloud ist perfekt für Innovation und Wachstum, kann aber im großen Maßstab durch hohe Margen der Provider den Unternehmenswert belasten. 

Souveränität schafft Verhandlungsmacht durch Diversifikation. Unternehmen, die kritische Daten und Workloads portabel halten und nicht dauerhaft in Full-Stack-Architekturen einzelner Anbieter binden, vermeiden einen strukturellen Vendor-Lock-in. Diese Beweglichkeit erlaubt es, Workloads nach Preis-, Leistungs- und Risikokriterien zu steuern. 

Dass 98 Prozent der deutschen Unternehmen bereit sind, für Souveränität einen Aufpreis zu zahlen, ist daher keine reine Compliance-Reaktion, sondern eine Investition in langfristige kommerzielle Handlungsfähigkeit. 

2. Digitale Souveränität ist das Fundament von Multi-Cloud-Strategien

Die IT-Realität deutscher Unternehmen ist hybrid: 87 Prozent verfolgen eine Multi-Cloud-Strategie. Ohne souveräne Architekturprinzipien bleibt Multi-Cloud jedoch eine additive Abhängigkeit von mehreren Anbietern – technisch komplex, aber strategisch kaum steuerbar. 

Das zeigt sich besonders deutlich im Einsatz von KI. Zwar nutzen bereits 92 Prozent der Unternehmen Large Language Models (LLM), und 69 Prozent verfolgen einen Multi-LLM-Ansatz. Entscheidend ist jedoch nicht die Anzahl der genutzten Modelle, sondern die Fähigkeit, diese flexibel dort zu betreiben, wo es regulatorisch, technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Souveräne Cloud-Architekturen übernehmen hier eine zentrale Steuerungsfunktion: Sie ermöglichen es, skalierbare Public-Cloud-Ressourcen für unkritische Lasten zu nutzen, während sensible Daten, IP und geschäftskritische Modelle in kontrollierbaren Umgebungen verbleiben. 

Souveränität ersetzt die Public Cloud nicht. Sie ergänzt sie dort, wo Innovationsgeschwindigkeit ohne Kontrollverlust möglich sein muss.

3. Souveränität ist ein unverzichtbarer Teil der Cyber-Resilienz

Sicherheit ist kein reines IT-Thema mehr, sondern eine Frage der Existenzsicherung. Unser Monitor zeigt eine alarmierende Lücke: Nur 26 Prozent der Unternehmen fühlen sich gut auf die kommende NIS2-Richtlinie vorbereitet. Gleichzeitig bewerten 72 Prozent Sicherheit und Compliance als unverzichtbares Kriterium bei der Provider-Wahl. 

Diese Lücke lässt sich nicht durch zusätzliche Sicherheitsversprechen schließen, sondern nur durch Kontrolle. Unternehmen, die Hoheit über Verschlüsselungsschlüssel, Identitäten und den physischen Ort ihrer Daten behalten, reduzieren ihre Angriffsfläche strukturell. Souveränität bedeutet in diesem Kontext, Sicherheitsarchitekturen nicht als Black Box zu akzeptieren, sondern Zero-Trust-Prinzipien bis auf Infrastruktur- und Plattformebene durchzusetzen. In einer geopolitisch volatilen Umgebung wird die Fähigkeit, digitale Lieferketten transparent zu auditieren, zur zentralen Vertrauensgrundlage. 

Fazit: Souveränität ist eine Führungsentscheidung

Der KPMG Cloud-Monitor zeigt: Die technologische Reife ist vorhanden, ebenso die Bereitschaft zur Investition. Nun kommt es darauf an, digitale Souveränität nicht als regulatorische Pflicht, sondern als strategische Führungs- und Architekturentscheidung zu behandeln. Souveränität erfordert Investitionen. Der Verzicht darauf verschiebt Risiken jedoch lediglich in die Zukunft – oft in einer Größenordnung, die sich dann nicht mehr steuern lässt.