Die drastischen Auswirkungen einer Arbeitswelt 4.0 im Gesundheitswesen

Warum bestehende Strukturen und Arbeitsabläufe jetzt überdacht werden sollten

Keyfacts

  • In zehn Jahren könnten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen bis zu 500.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlen.
  • Patienten werden zunehmend zum Konsumenten und fordern eine ganzheitliche Versorgung und Behandlung.
  • Gleichzeitig wird das Personal immer knapper und hat deutlich veränderte Vorstellungen von ihrer Arbeit.
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Axel Bindewalt
  • Partner, Head of Healthcare
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Zwei Zahlen zeigen, wie prekär die Lage im Gesundheitswesen ist und noch werden kann: 100.000 Fachkräfte fehlen bereits nur in der Pflege, in zehn Jahren könnten es sogar 500.000 sein. Die Politik ist – mit einer Geschwindigkeit wie schon lange nicht mehr – dabei, die Pflegeberufe und Fachkraftstellen im Gesundheitswesen zu reformieren. Das wird auch höchste Zeit. Denn es ist jahrzehntelang nicht in die Weiterentwicklung dieser Berufsbilder investiert worden, wie unser aktuelles Gesundheitsbarometer zeigt. Dies hat maßgeblich zur Ursache eines wirklichen Problems beigetragen: Eine Tätigkeit, die schlecht bezahlt, physisch und psychisch anspruchsvoll ist und der wenig Wertschätzung entgegengebracht wird: Würden Sie in einem solchen Umfeld arbeiten?

Ansprüche an den Job haben sich geändert – auch im Gesundheitswesen

Hinzu kommt, dass sich die Anspruchshaltung der neueren Arbeitsgenerationen Y und Z geändert hat. Sie wollen Privat- und Berufsleben besser miteinander vereinen. Selbstverwirklichung und Sinngebung gewinnen an Bedeutung. Auf den Arbeitgeber kommt also die Herausforderung zu, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Arbeitsplatz so zu unterstützen, dass deren Bedürfnisse erfüllt werden. Dazu zählen unter anderem intelligente Mentoren- und Tutorensysteme für interne und zielgerechte Weiterbildung. Teamorientiertes Arbeiten und ein Schichtplansystem, das den Kapazitäten gerecht wird und genügend Raum für flexible Lösungen lässt, gehören ebenso dazu. 

Patienten und Versicherte werden zu Konsumenten

Aber nicht nur die Mitarbeiter verändern sich, auch der Patient: Der Patient 4.0 ist schon längst geboren. Früher ging der Patient zum Arzt – dem Halbgott in Weiß – und lauschte ehrfürchtig seinen Worten. Es herrschte eine absolute Abhängigkeit von der Meinung und den Weisungen des Arztes. Dieses Bild wird immer mehr aufgebrochen. Die immens wachsende physische und digitale Mobilität der Bevölkerung – gepaart mit dem Selbstbewusstsein der allseits informierten jungen Generation – ermöglicht die Auswahl aus immer mehr Gesundheitsangeboten. Patienten und Versicherte werden außerdem durch neue Bewegungen und Reformen bestärkt und fordern neue Möglichkeiten verstärkt ein. Ganz wichtig sind für sie ganzheitliche und aufeinander abgestimmte Gesundheitsangebote.

Umbruch in Geschäftsmodellen und Strukturen

Für die stark segmentierte Gesundheitswirtschaft in Deutschland bedeutet dies eine drastische Umstellung: Vom Institutions- zum Prozessgedanken, vom Alleine zum Wir. Die Akteure in der Gesundheitswirtschaft stellen meist ihre Einrichtung, ihre Station, ihre Abteilung ins Zentrum. Jetzt geht es darum, den Behandlungsweg aus Sicht des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Für ihn ist eine geplante, strukturierte Behandlung über Anbieter und Institutionen hinweg wichtig: Vorsorge, Behandlung, Nachsorge in einem Stück gedacht. Für die Akteure heißt das mehr und mehr: zusammen Angebote schaffen und aufeinander abstimmen. Systempartnerschaften, Spezialisierung, Vernetzung und Reproduzierbarkeit werden wohl zu den wichtigsten Prämissen in der Medizin von morgen.

Der Weg zum zufriedenen Mitarbeiter und Patienten

In der Medizin 4.0 spielt die zunehmende Digitalisierung und künstliche Intelligenz eine sehr große Rolle. Viele haben Angst vor diesen Entwicklungen, diskutieren über ethische Grenzen. Ich betrachte es sehr pragmatisch: Digitalisierung und Automatisierung bieten enormes Potenzial, um die Fachkräfte zu entlasten und so mehr Zeit dem Patienten widmen zu können. Roboter übernehmen schon heute Arbeiten, die körperlich anstrengend sein können, etwa Hebearbeiten am OP-Tisch oder der Pflege. Software und künstliche Intelligenz halten die Krankenakten in Echtzeit digital aktuell und übernehmen andere administrative Routineaufgaben.

Der demografische Wandel, der Fachkräftemangel, die auch zukünftig knapper werdenden Mittel bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen zwingen die Akteure zum Umdenken: Es ist an der Zeit die neue Fachkraft inklusive New-Work-Ansätzen, den mündigen Patienten und die moderne Medizin zusammen zu betrachten und nach ganzheitlichen Lösungen und Strukturen zu suchen: für ein Gesundheitssystem 4.0.

Axel Bindewalt
  • Partner, Head of Healthcare
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Gesundheitsbarometer Ausgabe 03/2019

Wie begegnet die Gesundheitsbranche dem zunehmenden Fachkräftemangel und wie wird der Arbeitsplatz der Zukunft gestaltet? Das sind die zwei Schwerpunktthemen des aktuellen Gesundheitsbarometers.

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