Sustainable Finance: Achtung, Mittelstand

Wie sich das ESG-Reporting für nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen verändern könnte

Keyfacts

  • Der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung hat Ende Februar seinen Bericht vorgelegt.
  • Die Forderungen der Expertinnen und Experten haben das Potenzial, die grüne Transformation der Wirtschaft weiter voranzutreiben.
  • Gleichzeitig könnten sich daraus erhebliche Veränderungen ergeben, insbesondere auch für die Berichterstattung von mittelständischen Unternehmen.
Goran Mazar
  • Partner, EMA & German Head of ESG and Automotive
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„Ein nachhaltiges Finanzsystem für die Große Transformation“: Unter diesem Titel hat der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung Ende Februar seinen Bericht vorgelegt. In den Medien wurde das Dokument vergleichsweise wenig beachtet.

Zu Unrecht. Denn die Empfehlungen des Gremiums hätten, wenn sie umgesetzt würden, große Tragweite für die deutsche Wirtschaft. Darum sollten sich deutsche Unternehmen – unabhängig von ihrer Rechtsform und Finanzierung – im Detail mit dem Bericht vertraut machen. Vier zentrale Forderungen des Sustainable-Finance-Beirats im Hinblick auf die Berichterstattung und Prüfung haben bedeutende und vergleichsweise kurzfristige Implikationen:

Forderung 1: Mehr Unternehmen zu nichtfinanzieller Berichterstattung verpflichten

Nichtfinanzielle Belange: So wird die Berichterstattung zu Themen wie Umwelt, Klima, Soziales und Arbeitnehmer genannt. Verpflichtet sind dazu bisher – in einer „nichtfinanziellen Erklärung“ – nur kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und Banken sowie Versicherungen.

Der Beirat empfiehlt, diese Grenze auf 250 Mitarbeiter zu senken und – das ist noch viel wichtiger – den Anwendungsbereich auf alle Unternehmen auszuweiten, unabhängig von Rechtsform oder Kapitalmarktorientierung. Zeitliches Umsetzungsziel: ab 2022/23.

Die Expertinnen und Experten argumentieren, dass Größe, Finanzierung und Rechtsform allein keine Indikatoren dafür sind, ob Unternehmen z.B. zum Ziel der Klimaneutralität beitragen. Das ist nachvollziehbar. Denn auch Organisationen in privater Hand können einen wesentlichen Effekt auf die Klimabilanz Deutschlands haben und sollten daher über ihre ESG-Aktivitäten berichten.

Hieraus könnte allerdings eine Herausforderung für den Mittelstand und Familienunternehmen entstehen: Wird die Forderung umgesetzt, haben sie dann in nur kurzer Zeit eine Nachhaltigkeitsberichterstattung im Einklang mit dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz (CSR-RUG) zu erstellen.

Dabei hätten sie zum Beispiel neben Informationen zur grundsätzlichen Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsthemen auch detailliert über CO2-Emissionen und andere relevante nicht-finanzielle Kennzahlen zu berichten. Diese Werte zu ermitteln, ihre Qualität sicherzustellen und über sie in so kurzer Zeit zu berichten – das dürfte für viele Unternehmen, die dies noch nie zuvor gemacht haben, eine Mammutaufgabe sein.

Hinzu kommt: Diese Forderung würde in der Praxis auch dazu führen, dass Unternehmen die umfassenden Anforderungen der EU-Taxonomie ebenso umsetzen müssen. Denn berichtspflichtig sind laut dieser Verordnung alle Organisationen, die eine nichtfinanzielle Erklärung abgeben müssen. Damit würde der Arbeitsaufwand weiter steigen.

Forderung 2: Integrierte Berichterstattung einführen

Aktuell haben alle bereits von der Berichterstattungspflicht betroffenen Unternehmen die Möglichkeit, ihre nichtfinanziellen Informationen in einem gesonderten Bericht zu platzieren, als Teil des Lageberichts oder an anderer Stelle im Geschäftsbericht. Der Beirat schlägt vor, die Berichterstattung zwingend in den Lagebericht aufzunehmen.

Das ist sinnvoll. Die Informationen des Lageberichts insbesondere zu Chancen und Risiken, sind inhaltlich von denen in der nichtfinanziellen Berichterstattung nicht zu trennen. Häufig ergibt erst eine gemeinsame Betrachtung einen tiefen Einblick. Dieser Vorstoß in Richtung einer „integrierten Berichterstattung“ ist für alle Stakeholder ein wichtiger Schritt.

Forderung 3: Risiken auf Basis von Referenzszenarien ermitteln

Bisher werden in der Berichterstattung häufig solche Risiken ausgeklammert, deren potenzielle Realisierung zeitlich hinter dem angesetzten Betrachtungshorizont liegt. Das gilt sowohl für den Einfluss der Geschäftstätigkeit auf Umweltziele (Inside-Out-Perspektive) als auch umgekehrt (Outside-In-Perspektive).

Der Beirat empfiehlt demgegenüber ab dem Geschäftsjahr 2022 eine Berichtspflicht nach „comply or explain“-Ansatz – im Einklang mit dem Klimarahmenwerk der „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ (TCFD). Das würde bedeuten, dass Unternehmen auf der Basis von Referenzszenarien ermitteln, inwiefern sich physische Klimarisiken oder regulatorische Risiken aus der Umstellung auf eine CO2-Neutralität in der Zukunft ergeben.

Auch diese Forderung ist sinnvoll, um den Nachhaltigkeitsbegriff auch in temporärer Definition ernst zu nehmen.

Forderung 4: Prüfung der nichtfinanziellen Erklärung verpflichtend machen

Eine inhaltliche Prüfungspflicht der nichtfinanziellen Erklärung war im bisherigen CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz nicht enthalten. Im Falle einer freiwilligen Prüfung, etwa mittels Beauftragung durch den Aufsichtsrat, kann darüber hinaus im Moment entweder eine Prüfung mit begrenzter oder hinreichender Sicherheit gewählt werden.

In der Praxis hat sich in der Unternehmensberichterstattung daher ein unübersichtliches Nebeneinander eingestellt: Ungeprüfte Informationen stehen nicht selten in unmittelbarer Nähe von mit begrenzter oder hinreichender Sicherheit geprüften Informationen, was häufig durch Textmarkierungen angezeigt wird. Für den Leser ist diese Form der Berichterstattung oft schwer nachzuvollziehen.

Nach Auffassung des Sustainable-Finance-Beirats ist eine Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit der nichtfinanziellen Informationen dadurch derzeit nicht gewährleistet.

Immer öfter basieren Stakeholder ihre Investitions-Entscheidungen auf der nichtfinanziellen Berichterstattung. Daher ist es zu begrüßen, dass an dieses Reporting – zur Sicherstellung der Datenqualität – die gleichen Prüfungsanforderungen geknüpft werden wie an die Finanzberichterstattung.

Fazit

Die Forderungen des Sustainable-Finance-Beirats könnten zu einer nachhaltigen Transformation der deutschen Wirtschaft beitragen. Gleichzeitig entstünde für viele Organisationen ein erheblicher Mehraufwand.

Um davon nicht überrascht zu werden, sollten Unternehmen die Reaktion der Politik auf den Bericht genau beobachten – und sich darauf einstellen, dass sich für ihre Berichterstattung bald vieles ändern könnte.

Goran Mazar
  • Partner, EMA & German Head of ESG and Automotive
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