Autos von oben fotografiert fahren durch einen Wald. Zu sehen sind außerdem dynamische Fahrlinien.

Warum die Autobranche jetzt echte Technologieoffenheit braucht

Die Aufweichung des Verbrenner-Aus ist auch eine Chance für Klimaschutz und Industrie.

Keyfacts:

  • Die EU erlaubt ab 2035 neben Elektroautos auch CO₂-neutrale Kraftstoffe und Hybride – ein Signal für mehr Flexibilität statt starrer Verbote.
  • Technologieoffenheit reduziert Risiken, stärkt Wettbewerbsfähigkeit und ermöglicht eine realistische Umsetzung der Klimaziele.
  • Klare Leitplanken bleiben entscheidend: strenge CO₂-Ziele, Nachhaltigkeitsstandards und eine vollständige Lebenszyklus-Bilanz für alle Antriebe.

Die Europäische Union will ihr geplantes Verbrenner-Aus abschwächen: Ab 2035 sollen nicht mehr 100 Prozent Null-Emissionen für Neuwagen gelten, sondern 90 Prozent Reduktion an der Abgasanlage – die verbleibenden zehn Prozent können über grünen Stahl aus der EU oder nachhaltige Kraftstoffe (eFuels oder andere Biokraftstoffe) kompensiert werden. Plug-in-Hybride und Zusatzantriebe wie Range-Extender bleiben damit grundsätzlich möglich. In meinen Augen ist das keine Abkehr von den EU-Klimazielen, sondern eine pragmatische Öffnung des Regulierungskorridors – und zugleich ein wichtiges und nötiges industriepolitisches Signal an Europas Autohersteller.

Ich meine: Technologieoffenheit ist eine Chance, die wir nutzen sollten. Sie schafft die nötige Flexibilität, um CO₂-Ziele ergebnisorientiert zu erreichen und zugleich Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Drei Argumente:

1) Realität statt Wunschdenken: Infrastruktur und Nachfrage unterscheiden sich stark je nach Antriebsform

Der Hochlauf der E-Mobilität bleibt zentral. Aber ein EU-weiter, vollständiger Umstieg auf batteriebetriebene Fahrzeuge bis 2035 scheitert mancherorts an Ladeinfrastruktur, Netzkapazitäten und Kundenpräferenzen. Deshalb braucht es koexistierende Pfade: E-Autos, dort, wo es gut funktioniert, daneben CO₂-neutrale Kraftstoffe (HVO, EFuels) oder grünen Wasserstoff für Bestandsflotten, ländliche Räume und bestimmte Exportmärkte. Ich bin überzeugt, dass Elektromobilität alleine nicht ausreicht, um die CO₂Ziele im Verkehrssektor zu erreichen. Alternative Antriebe sind entscheidend: Wir sollten Mobilität neu denken. Dass nun auch auf politischer Ebene die Aufweichung des Verbrenner-Aus vollzogen wurde, ist ein klares Zeichen für technologische Neutralität in der Umsetzung. Klar muss aber auch sein, solange Ladeinfrastruktur und Rahmenbedingungen fehlen, ist Technologieoffenheit unverzichtbar. Doch das Endziel jedoch wird – wenn alle Rahmenbedingungen gegeben sein werden – eine Mobilität sein, die rein elektrisch ist.

2) Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit: Risiken streuen, Abhängigkeiten reduzieren

Die geplante Öffnung für weitere Technologien reduziert eine einseitige Abhängigkeit von einer Antriebsart. Konkret geht es hier um Fragen zur Batteriewertschöpfung, zu Rohstoffzugängen und Lieferketten. Die neue Entwicklung gibt Herstellern zudem Spielraum, Kundenbedürfnisse in unterschiedlichen Regionen zu bedienen – vom preiswerten Stadt-E-Auto bis zum Hybrid mit der Option auf Reichweitenverlängerung für Langstrecken. Europas Autobauer stehen unter intensivem Wettbewerbsdruck durch China und US Zölle; starre 100-Prozent-Ziele hätten diesen Druck weiter verschärft.

Mit Technologieoffenheit den Weg zum Klimaziel schaffen

Die EU hat die Tür geöffnet. Jetzt liegt es an uns, technologieoffen zu denken – und konsequent zu handeln. Wer die Fertigung von Elektroautos ausbaut und CO₂-neutrale Kraftstoffe sowie Wasserstoff sinnvoll ergänzt, senkt Emissionen schneller, macht die Branche widerstandsfähiger und verschafft Europas Autoindustrie den Spielraum für die nächste Innovationsrunde. Technologieoffenheit ist damit kein Rückschritt, sondern die realistische Abkürzung zum Klimaziel – mit klaren Leitplanken, wissenschaftlicher Evidenz und industrieller Vernunft.