Keyfacts:
- Der maritime Wirtschaftsraum wächst – insbesondere in technologieintensiven Segmenten.
- Sensorik, KI und Simulation machen marine Systeme erstmals kontinuierlich analysierbar.
- Unternehmen gewinnen belastbarere Grundlagen für Planung, Investitionen und Risikomanagement.
Der maritime Raum gewinnt stark an wirtschaftlicher Bedeutung. Der geplante Ausbau der Nordsee zu einem der größten Offshore-Energiehubs Europas steht exemplarisch für diese Entwicklung: Der Ozean wird zunehmend als aktiv gestaltbarer Wirtschaftsraum verstanden.
Der aktuelle EU Blue Economy Report zeigt, dass sich die europäische Blue Economy nicht nur von den pandemiebedingten Einbrüchen erholt hat, sondern strukturell wächst – insbesondere in technologieintensiven Segmenten.
Bruttowertschöpfung in der Blue Economy

Quelle: EU Blue Economy Report, 2025
Mit dieser Entwicklung steigen die Anforderungen an Planbarkeit, Transparenz und Akzeptanz. Marine Systeme sind hochdynamisch: Strömungen, Wetter, ökologische Wechselwirkungen und technische Belastungen wirken unmittelbar auf Wirtschaftlichkeit, Risiken und Umweltwirkungen. Ohne belastbare Daten lassen sich Investitionen, Betrieb und regulatorische Anforderungen kaum zuverlässig steuern.
Gleichzeitig verweist die OECD darauf, dass digitale Technologien in der Ozeanwirtschaft bislang weniger systematisch eingesetzt werden als in anderen kapitalintensiven Branchen.
Genau hier setzen moderne Technologien an: Neue Ansätze in Sensorik, Datenverarbeitung und Simulation machen marine Prozesse kontinuierlich mess- und modellierbar – auch in bislang schwer zugänglichen Regionen. Damit entsteht eine neue Grundlage für wirtschaftliche Steuerung im maritimen Raum.
Vier Technologien, die die Blue Economy verändern
1. Digitale Zwillinge maritimer Systeme
Digitale Zwillinge bilden physische maritime Systeme virtuell ab und werden kontinuierlich mit aktuellen Daten gespeist. So lassen sich Infrastrukturen, Betriebsabläufe oder Umweltbedingungen simulieren und Szenarien vergleichen, bevor reale Entscheidungen getroffen werden.
Im maritimen Kontext kommen Digital Twins zunehmend bei Häfen, Offshore-Anlagen oder Verkehrssystemen zum Einsatz. Sie unterstützen die Optimierung von Abläufen, die Planung von Wartungsfenstern und die Bewertung von Risiken – insbesondere dort, wo physische Eingriffe teuer oder schwer reversibel sind.
2. KI-gestützte Analyse natürlicher Dynamiken
Künstliche Intelligenz (KI) wird eingesetzt, um große Mengen mariner Daten auszuwerten und Muster zu erkennen, die mit klassischen Modellen nur eingeschränkt erfassbar sind. Dabei ergänzt KI bestehende physikalische Modelle, statt sie vollständig zu ersetzen.
Anwendungen reichen von verbesserten Strömungs- und Wetterprognosen bis zur Analyse ökologischer Veränderungen. Für Unternehmen erhöht sich damit die Prognosequalität in einem Umfeld, das durch hohe Dynamik und nichtlineare Effekte geprägt ist.
3. Vernetzte In-situ-Sensorik als Datenbasis
Sogenannte In-situ-Sensoren messen physikalische und chemische Parameter direkt im Ozean – kontinuierlich, automatisiert und zunehmend in Echtzeit. Sie liefern die Datenbasis, auf der digitale Zwillinge, KI-Modelle und Simulationen aufbauen.
Durch den Ausbau solcher Messnetze steigt die räumliche und zeitliche Auflösung mariner Daten erheblich. Veränderungen werden früher erkannt, Trends lassen sich besser vergleichen, und Unsicherheiten in Modellen werden reduziert.
4. Mobile Plattformen zur Datenerhebung entlang realer Routen
Ergänzend zu stationären Messsystemen gewinnen mobile Plattformen an Bedeutung. Autonome oder bemannte Fahrzeuge erfassen Daten entlang realer Routen – etwa in offenen Ozeanen, schwer zugänglichen Regionen oder entlang stark frequentierter Seewege.
Ein Beispiel hierfür ist Team Malizia, das mit der Malizia Explorer eine speziell ausgerüstete, 26 Meter lange Segelplattform für wissenschaftliche Forschung betreibt. Das Schiff wurde gezielt für den Einsatz in schwer zugänglichen Regionen umgerüstet und erhebt kontinuierlich ozeanografische und klimarelevante Daten, unter anderem zum CO₂-Gehalt des Oberflächenwassers. Die gewonnenen Messdaten fließen in größere Datensätze und Modellierungsansätze ein und tragen dazu bei, bislang bestehende Beobachtungslücken in entlegenen Meeresregionen zu schließen. Das Beispiel verdeutlicht, wie mobile, spezialisierte Plattformen die klassische Meeresforschung sinnvoll ergänzen.
Wirtschaftliche Nutzung und ökologische Belastungsgrenzen in Einklang bringen
Zusammengenommen führen diese und andere moderne Technologien zu einer strukturellen Veränderung der Blue Economy. Der Ozean wird zunehmend nicht nur genutzt, sondern systematisch beobachtet, modelliert und analysiert. Damit entsteht eine neue Qualität an Entscheidungsgrundlagen für Unternehmen, die in maritimen Märkten aktiv sind oder von ihnen abhängen.
Zudem schaffen diese Technologien die Voraussetzung dafür, wirtschaftliche Nutzung und ökologische Belastungsgrenzen besser miteinander in Einklang zu bringen – weil Entscheidungen auf belastbaren Daten statt auf Annahmen beruhen.
Für Unternehmen bedeutet das: Der maritime Raum entwickelt sich von einem schwer kalkulierbaren Umfeld zu einem Wirtschaftsraum, in dem Technologie eine ähnliche Rolle spielt wie in anderen datengetriebenen Industrien – als Grundlage für Planung, Steuerung und strategische Entscheidungen.