Mann auf Baustelle

Covid-19-Krise als Chance für die Dekarbonisierung

Wie wir die Krise nutzen, um die europäische Ökonomie auf Nachhaltigkeit umzustellen.

Bald ist die Krise vorbei und alles wieder beim Alten: Dieser Tage gerät man leicht in Versuchung, sich dieser Hoffnung hinzugeben.

Doch so verlockend der Gedanke scheint, er ist falsch. Nicht nur dauert die Pandemie weiter an und wird voraussichtlich in eine neue, deutlich andere Realität münden. Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit steht uns in ihrer ganzen Tragweite noch bevor: der Klimawandel.

In Anbetracht dessen sollten wir die Disruption durch Covid-19 nutzen, um die notwendige Dekarbonisierung der Wirtschaft voranzutreiben. Drei Gründe, warum.

Grund 1: Covid-19 war ein Warnsignal

Das Coronavirus und der Klimawandel: Der Vergleich mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch Ähnlichkeiten. Beide Krisen haben fundamental mit der Wirtschafts- und Weltordnung zu tun. Es handelt sich nicht um kurzfristige, exogene Schocks, sondern um langfristige Disruptionen der Gesellschaft und der Ökonomie.

Dementsprechend lassen sich Lehren aus der Pandemie ziehen. Covid-19 stellt viele Unternehmen und ganze Volkswirtschaften auf eine harte Probe. Es zeigte sich, dass finanzielle Ressourcen allein die Sicherheit der Wirtschaft nur bedingt garantieren können. Und dass zur Vermeidung einer weiteren Virus-Krise grundlegende Umbauten nötig sind – etwa Wertschöpfungsketten so umzugestalten, dass kritische Infrastruktur und systemrelevante Produktionsprozesse im Ernstfall auch im eigenen Land vorhanden sind.

Im Umgang mit dem Klimawandel sind Veränderungen eines ungleich größeren Maßstabs nötig. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung sind nämlich wesentlich gravierender als die des Coronavirus, entfalten sich aber schleichend.

Dennoch sollte die Wirtschaft umgehend ihre Umgestaltung beginnen. Es ist entscheidend, dass Unternehmen sich jetzt schon mit Folgen des Klimawandels für ihren Betrieb auseinandersetzen und auf klimaneutrale Geschäftsmodelle setzen. Sonst werden in naher Zukunft die Kosten zur Eindämmung der Klimakrise die Präventionskosten um ein Vielfaches übersteigen.

Grund 2: Die Krise bietet die Chance für einen grünen Wiederaufbau

Der Aufbauplan der EU ist auch für den Klimaschutz eine große Chance. Es deutet sich an, dass das Konjunkturprogramm in Höhe von 750 Milliarden Euro an ökologische Kriterien geknüpft wird. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung der klimapolitischen Ziele Europas.

Um bis zum Jahr 2050 die Klimaneutralität der EU-Staaten zu erreichen, sind Billionen an Investitionen nötig. Ein grüner „Recovery Plan“ könnte die Grundlage dafür darstellen. Gleichzeitig würde ein ökologischer Wiederaufbau, der von kollektiven Schulden getragen wird, wahrscheinlich zu neuer politischer Klimaambition führen. Und er könnte die Stimme der EU bei der kommenden „COP 26“-Klimakonferenz stärken, die infolge von Covid-19 auf November 2021 vertagt wurde.

Zudem hat der Aufbauplan das Potenzial, ein zentrales Vorhaben des Green Deal der EU-Kommission zu stützen: die Taxonomie – ein Klassifikationssystem, das definiert, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten nachhaltig sind. Eine hohe Übereinstimmung mit den Anforderungen des Systems soll Unternehmen für Investoren interessant machen. Das wird vielen Firmen allerdings nur mit fundamentalen Weiterentwicklungen ihrer Geschäftsmodelle und -prozesse gelingen. Solch ein Unterfangen umfasst diverse Maßnahmen: angefangen bei einer Steigerung der Energieeffizienz und der flächendeckenden Energieerzeugung aus regenerativen Quellen bis hin zur Transformation der Verwendung von Rohstoffen – von linear zu zirkulär. Ein grünes Investitionspaket könnte diesen Wandel ermöglichen.

Grund 3: Das Coronavirus hat die unternehmerische Innovationskraft demonstriert

Die Wirtschaft ist auch in Ausnahmezuständen äußerst flexibel. Das war eine der wenigen positiven Lektionen der Pandemie. Eine Vielzahl an Unternehmen stellte innerhalb kürzester Zeit auf Homeworking um oder wechselte zur Produktion neuer Güter wie Masken.

Diese Anpassungsfähigkeit beweist die große Innovationskraft von Unternehmen. Und die ist beim Klimawandel umso mehr vonnöten: Bis 2050 sollen die CO2-Emissionen von Unternehmen in jedem Fall bei netto Null liegen. Es ist vorgesehen, dass weiteres wirtschaftliches Wachstum ab diesem Zeitpunkt von der Ressourcennutzung entkoppelt wird.

Ein Neustart der Wirtschaft mit Investitionen in klimafreundliche Geschäftsmodelle und Technologien würde den Erfindergeist von Firmen befördern. Dieser Schritt brächte sicherlich viele nachhaltige Innovationen hervor. Zudem wäre es aus Sicht des EU-Haushalts äußerst effizient, wenn das Kapital für das Corona-Konjunkturprogramm auch der ohnehin anstehenden Dekarbonisierung der Wirtschaft dient.

Fazit

Der Aufbauplan der EU bietet die Chance, die Dekarbonisierung der europäischen Ökonomie deutlich voranzutreiben.

Es ist wichtig, dass wir den nun entstehenden Gestaltungsspielraum nutzen, um auf nachhaltige Arbeits- und Produktionsweisen umzusteigen – und der neuen Realität mit einer neuen Wirtschaft zu begegnen.