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Das bedeutet das Ökolabel für Erdgas und Atomkraft

EU-Entscheidung: Investitionen in Gas und Atomkraft können als grün eingestuft werden.

Keyfacts

  • Die Entscheidung der EU spiegelt aktuelle Diskussionen zur Energiegewinnung innerhalb Europas wider.
  • Das Nachhaltigkeitssiegel ist ein Kompromiss zwischen diesen verschiedenen Ansichten und deckt die verschiedenen Brückentechnologien auf dem Weg zu einem klimaneutralen Energiesystem ab. In Deutschland setzt man dabei auf Erdgas, in Frankreich auf Kernenergie.
  • Deutschland sollte am Kohle- und Kernenergieausstieg festhalten, aber mit Investitionen in die Brückentechnologie Gas sowie LNG und Wasserstoff die Energieversorgung sichern.
Michael Salcher
  • Regionalvorstand Ost, Head of Energy & Natural Resources
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Investitionen in Erdgas und Atomkraft können unter bestimmten Bedingungen als nachhaltig eingestuft werden. Das hat das Europäische Parlament vergangene Woche beschlossen. Die Entscheidung des EU-Parlaments hatte für viel Aufsehen gesorgt. Sie ist Teil der EU-Taxonomie, die Regeln für nachhaltige Investitionen aufstellt. Durch den Schritt, Erdgas und Atomkraft ein grünes Siegel zu verleihen und die Taxonomie entsprechend anzupassen, ist es für Unternehmen und Investoren nun ohne größere finanzielle Nachteile möglich, in Gas- und Atomkraftprojekte zu investieren.

Anpassung der EU-Taxonomie stand schon länger zur Debatte

Der aktuelle Beschluss im EU-Parlament mag zwar aufsehenerregend sein, kam aber keineswegs überraschend. Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der immer kritischeren Energieversorgung ist schon lange darüber diskutiert worden, wie die EU-Taxonomie angepasst werden kann. Damit soll die Energieversorgung nicht nur gesichert werden, die EU will auch kurzfristig unabhängiger von Rohstofflieferungen aus Russland werden.

Das grüne Label für Erdgas und Atomkraft ist ein Kompromiss

Aus meiner Sicht war und ist es deswegen notwendig, schnelle, aber durchdachte Entscheidungen zu treffen. Und das Votum im EU-Parlament spiegelt die aktuellen politischen Diskussionen der wesentlichen Länder und den politischen Konsens wider. Das Nachhaltigkeitssiegel für Erdgas und Kernenergie ist ein Kompromiss zwischen den Mitgliedsländern und ihren unterschiedlichen Ansichten zur Energiegewinnung. Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, nicht gegen das Ergebnis der Abstimmung im EU-Parlament zu klagen – im Gegensatz zu Österreich und Luxemburg.

In Frankreich etwa ist Kernenergie eindeutig die vorherrschende Energiequelle. Bei uns in Deutschland läuft die Energieversorgung (Strom und Wärme) zu großen Teilen über Erdgas. Es ist bedauerlich, dass wir keine EU-weit angeglichene Energieversorgung und keine länderübergreifende Infrastruktur haben. Die Entscheidung des EU-Parlaments kann daher in meinen Augen nur Kompromisscharakter haben.

Zwei Sachen sind klar: Die gasbasierte Stromerzeugung verursacht CO2-Emissionen. Und der Müll aus Kernbrennstoffen und Reaktorabfall zieht große Umweltrisiken nach sich.

Dennoch: Es ist – gerade mit Blick auf die aktuelle Lage – wirtschaftlicher Konsens, dass wir auf dem Weg zu erneuerbaren Energien eine Brückentechnologie brauchen. Die Bundesregierung in Deutschland hat sich dabei auf Gas festgelegt, Frankreich auf Kernenergie.

Gasanlagen in LNG- und Wasserstoffinfrastruktur integrieren

Wir müssen in Deutschland nun den Ausbau von erneuerbaren Energien mit Überschallgeschwindigkeit voranbringen und so wenig Brückentechnologien wie notwendig installieren und nutzen. Aus meiner Sicht es sinnvoll, dass die benötigte Gasinfrastruktur und Erzeugungsanlagen auch Bestandteile einer LNG- und Wasserstoffinfrastruktur werden. Die EU-Taxonomie wird zur Finanzierbarkeit dieser Anlagen beitragen, anderenfalls werden die Finanzierungen teurer bis unmöglich.

Mindestens ebenso wichtig wie die Diskussionen um die EU-Taxonomie ist aber auch die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für eine entsprechende Nutzung dieser Anlagen.

Deutschland sollte beim bereits beschlossenen grundsätzlichen Kernenergie- und Kohleausstieg bleiben. Jedoch erfordert dies in der angespannten Lage, dem drohendem Gasstopp aus Russland und der damit beeinträchtigten Brückentechnologie Gas enorme Kraftanstrengungen unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft für den Umbau unserer Systeme hin zu erneuerbaren Energien, LNG und Wasserstoff. Sofern dies noch nicht so schnell wie erhofft umgesetzt werden kann, werden bei einer drohenden Mangellage Lösungen wie Strom- und Heizsparmaßnahmen notwendig.

Michael Salcher

Michael Salcher
  • Regionalvorstand Ost, Head of Energy & Natural Resources
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