Keyfacts:
- Donalds Trumps Zollpolitik verursacht erhebliche Belastungen, auf die Unternehmen mit Kostenübernahme, Preisanpassungen und Strukturanpassungen reagieren.
- Die EU stärkt ihre Position durch neue Freihandelsabkommen, etwa das bereits abgeschlossene EU-Mercosur-Abkommen oder das geplante Abkommen mit Indien.
- Die Midterms, Zwischenwahlen am 3. November, könnten Trumps Handlungsspielräume deutlich einschränken – mit weitreichenden Folgen für die „America first“-Agenda.
Am 20. Januar 2025 übernahm Donald Trump zum zweiten Mal die US-Präsidentschaft. Er kündigte ökonomische Umwälzungen an – und er hielt Wort. Von flächendeckend eingesetzten Zöllen bis zu branchenspezifischen Markteingriffen: Für große Handelspartner wie Deutschland ist die breitgefächerte Neujustierung der US-Wirtschaftspolitik ein tiefer Einschnitt. Neben unmittelbaren Auswirkungen sind auch globale Dominoeffekte spürbar. Das macht ein Zwischenfazit erforderlich: Was wurde umgesetzt, was sind die Folgen – und wie reagieren deutsche Unternehmen? Ein Überblick.
So haben Unternehmen auf die Zölle reagiert
„Zölle – das ist mein Lieblingswort“, hatte Donald Trump bereits im Wahlkampf gesagt. Flächendeckend hat seine Administration nach dem Wahlsieg Importzölle erhoben. Die Einfuhrabgaben belasten die in die USA importierenden Unternehmen, auch wenn das noch nicht alle Statistiken ausweisen: Vor dem Inkrafttreten wurden die Lager mit Waren gefüllt, um den Zöllen zuvorzukommen. Das hatte zunächst eine abfedernde Wirkung. Unternehmen haben sich sprichwörtlich Zeit gekauft. Nun sind die Lagerbestände aber weitestgehend aufgebraucht. Es ist daher davon auszugehen, dass die Folgen erst jetzt wirklich spürbar werden. Das Ergebnis: Einige Exporteure in die USA sind künftig nicht mehr wettbewerbsfähig.
In der Praxis zeigt sich, dass viele Unternehmen die Zölle mit einer Kombination verschiedener Ansätze managen: Teils werden die Zusatzkosten von den Unternehmen absorbiert, was zu sinkenden Margen führt – mit den Worten Donald Trumps: „Companies eat the tariffs“. Zunehmend werden die Kosten auch über steigende Verkaufspreise an die Kunden weitergegeben. Zugleich bemühen sich Unternehmen durch strukturelle Maßnahmen, darunter Anpassungen der Lieferketten, die Mehrkosten zu mindern.
Zölle als politisches Allheilmittel – mit unvorhersehbaren Konsequenzen
Genauso belastend wie die absolute Höhe der Zölle, ist die Sprunghaftigkeit der Administration: Die Schwankungen der Zölle sind nicht vorhersehbar. So kam die jüngste Drohung weiterer Strafzölle in Höhe von 10 beziehungsweise 25 Prozentpunkten gegen die europäischen Staaten, die sich dem Anschluss Grönlands an die USA entgegenstellen, unerwartet und traf die EU ins Mark. Erneut wurde deutlich, dass Zölle der US-Administration nicht ausschließlich zum Schutz der lokalen Wirtschaft dienen, sondern eingesetzt werden, um vielfältige politische Ziele zu erreichen. Als Folge dessen ist jetzt die Ratifikation des ausgehandelten US-EU-Handelsabkommens ausgesetzt. Es drohen Gegenzölle der EU gegen die USA. All das schreckt Investoren ab, denn sie sind für die langjährige Nutzungsdauer neuer Anlagen und für Unternehmenskäufe auf Planungssicherheit angewiesen, um keine Fehlinvestitionen zu tätigen.
Neu-Investitionen werden daher vielfach verschoben – im Gegensatz zu dem gewünschten Ergebnis der US-Administration, nämlich dem Aufbau neuer Produktionskapazitäten in den USA. Für viele mittelständische Unternehmen rechnet sich eine Großinvestition in Produktionsanlagen in den USA aber auch ganz grundsätzlich nicht. Diese Unternehmen sind durch die Exportzölle am meisten betroffen und erwägen nun vermehrt, sich vom US-amerikanischen Markt zu verabschieden.
Warum die Zölle wahrscheinlich bleiben
Falls der US-amerikanische Supreme Court, der Oberste Gerichtshof, die globalen US-Zölle wieder aufheben sollte, hat der US-Präsident trotz des in den USA aufkeimenden Widerstands gegen seine Zollpolitik bereits angekündigt, andere Wege und Mittel zu finden, um die Zölle beizubehalten. Insofern wird auch die höchstrichterliche Entscheidung vermutlich nicht zu mehr Sicherheit führen.
Der Übergang von der ersten Trump-Regierung zur Biden-Regierung hat zudem gezeigt: Einmal eingeführte Zölle verschwinden nicht einfach wieder, sondern bleiben bestehen und verstetigen sich.
Globale Sekundäreffekte teils noch gravierender als die Zölle selbst
Die neu eingeführten US-amerikanischen Zölle beeinflussen nicht nur die Exporte in die USA, sondern die globalen Handelsströme auf den Weltmärkten. Chinesische Exporteure umgehen die hohen US-Zölle, indem sie verstärkt Europa als Absatzmarkt in den Fokus nehmen. Die Konsequenz davon für deutsche Unternehmen ist ein enormer zusätzlicher Wettbewerb im Heimatmarkt. Auch die von China verhängten Exportbeschränkungen bei seltenen Erden treffen nicht nur die USA, sondern ebenso die deutsche und europäische Wirtschaft.
Eine von Seiten der US-Administration explizit gewollte Folge der US-Wirtschaftspolitik ist zudem die deutliche Abwertung des US-Dollars gegenüber dem Euro. Die Schwächung des US-Dollars begünstigt US-Exporte gegenüber deutschen Exporten auf dem Weltmarkt deutlich.
Da auch China darauf setzt, die eigene Währung, den Renminbi, vergleichsweise schwach zu halten beziehungsweise nicht aufwerten zu lassen, und zugleich Importe begrenzt, befindet sich die deutsche Industrie in ihren beiden größten Absatzmärkten in einer schwierigen Lage. Das Ergebnis: Sinkende Exporte bei zugleich steigenden Importen belasten die Handelsbilanz Deutschlands.
EU-Binnenmarkt und neue Freihandelsabkommen werden relevanter
Die deutsche Wirtschaft reagiert hierauf mit steigenden Exporten in den EU-Binnenmarkt, der für die deutsche Wirtschaft rund dreimal so groß ist wie die Exportmärkte USA und China zusammen. Und auch die EU selbst reagiert mit der beschleunigten Verhandlung neuer Freihandelshandelsabkommen, wie zuletzt die Ratifizierung des Mercosur-Abkommens mit vier südamerikanischen Staaten und die Fortschritte beim angestrebten Freihandelsabkommen mit Indien. Insbesondere der exportstarken deutschen Wirtschaft bieten sich so große neue Absatzmärkte mit sinkenden Zöllen und Handelserleichterungen.
Ein weiterer Sekundäreffekt der „America First“-Politik der USA ist, dass sich die EU stärker nach eigenen strategischen Interessen ausrichtet, ihre Resilienz und Unabhängigkeit stärkt und in die eigene Verteidigungsfähigkeit investiert. Hierdurch eröffnen sich auch neue Geschäftsfelder und -chancen für die deutsche Wirtschaft.
Renaissance der fossilen Energieträger in den USA
Die Trump-Administration hat die Energiepolitik grundlegend neu ausgerichtet: weg von alternativen, klimaschonenden Energiequellen, zurück zu fossilen Energieträgern. Gleich am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit unterzeichnete Präsident Donald Trump sogenannte Executive Orders mit dem Ziel, die amerikanische Produktion von Öl, Gas und Kohle massiv zu steigern und bestehende Umweltauflagen abzubauen. Im Fokus: die Wiederaufnahme von Offshore‑Bohrungen, das Ausrufen eines „nationalen Energienotstands“ zur Förderbeschleunigung sowie Direktiven, nach denen viele bestehende Vorschriften automatisch auslaufen, wenn sie nicht ausdrücklich verlängert werden.
Die neue US-Regierung setzte zudem den Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen durch und hat die Förderung klimafreundlicher Investitionen – bekannt als „Inflation Reduction Act“ – gestoppt beziehungsweise rückabgewickelt.
Individuelle Deals als integraler Bestandteil der US-Wirtschaftspolitik
Vom Eingreifen in die Investitionsagenda börsennotierter Konzerne bis zum Dekret zur Senkung von Arzneimittelpreisen: Keine US-Regierung der vergangenen Jahrzehnte griff je so stark in privatwirtschaftliche Belange ein wie die aktuelle Administration – und keine US-Regierung schloss mit individuellen Unternehmen so umfangreiche Sonder-Vereinbarungen ab.
Die vergangenen Monate haben veranschaulicht, dass es für Unternehmen ratsam sein kann, einen möglichst direkten Informations- und Kommunikationskanal zur US-Administration aufzubauen, um individuelle Vereinbarungen zu treffen.
Der 3. November könnte zum Wendepunkt werden
Am 3. November stehen die US-Zwischenwahlen an, die sogenannten Midterm Elections (Midterms). Dabei werden zur Halbzeit von Donald Trumps zweiter Amtszeit unter anderem alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze im US‑Senat neu gewählt, außerdem zahlreiche Gouverneure, Staatsparlamente und weitere lokale Ämter.
Ein Verlust der republikanischen Mehrheit im Kongress hätte nicht nur Signalwirkung für die restliche Amtszeit. Wenn die Demokraten sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat kontrollieren, könnte die aktuelle US-Administration kaum noch Gesetzesvorhaben durchsetzen.
Vorhersehbar ist das Ergebnis der Midterms allerdings genauso wenig, wie die zukünftige Höhe der US-Zölle. Politiker weltweit fahren demnach in vielerlei Hinsicht genauso auf Sicht wie Unternehmen.
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