Deutschlands Außenhandel mit China ist seit 2021 aus der Balance geraten. Die vorliegenden Zahlen für 2024 sowie die aktuellen Prognosen für 2025 geben keinen Anlass zur Entwarnung – im Gegenteil: Die Schieflage verschärft sich weiter.
Der Wert deutscher Einfuhren aus China war 2023 stark gesunken, während die Exporte nach China nur leicht zurückgingen. Dadurch verringerte sich das deutsche Außenhandelsdefizit von seinem Allzeithoch im Jahr 2022 (86,1 Milliarden Euro) zunächst auf 59,5 Milliarden Euro. 2024 jedoch stieg das Defizit wieder auf rund 67 Milliarden Euro an, weil die Exporte nach China weiter zurückgingen, während die Importe praktisch unverändert blieben. Für 2025 prognostiziert die bundeseigene Germany Trade & Invest (GTAI) nun ein neues Rekorddefizit von etwa 87 Milliarden Euro.
Von 2020 auf 2021 hatte sich das Defizit von circa 20 auf knapp 40 Milliarden Euro nahezu verdoppelt, von 2020 auf 2022 sogar vervierfacht. Zwar deutete 2023 zunächst eine Entspannung an, doch mittlerweile ist klar: Der Rückgang war lediglich eine temporäre Delle im Trend einer strukturellen Schieflage.
Ist das eine besorgniserregende langfristige Entwicklung, die die deutsche Wirtschaft wachrütteln und die deutsche Politik zum Handeln bringen sollte?
Größeres Handelsbilanzdefizit von Corona getrieben?
Vorab: Dass die Differenz zwischen dem Wert der chinesischen Exporte nach Deutschland und dem Wert der deutschen Exporte nach China bereits 2021 deutlich gestiegen war, hielten Beobachterinnen und Beobachter zunächst für eine Spätfolge der Coronapandemie. Das seien vermutlich einmalige Effekte, hieß es. Mittlerweile steht fest: Es gibt in Deutschlands Handelsbilanz mit China einen grundsätzlichen Trend.
Das Jahr zuvor, 2020, war ein überraschend stabiles Jahr für Deutschlands Exporte nach China: Während die Produktion in Deutschland aufgrund der Lockdowns um circa 10 Prozent einbrach, nahm die Produktion in China aufgrund des dort praktizierten „Closed-Loop-Systems“ auch noch während der Zero-Covid-Zeit zu.
Daher hatte China anders als andere Länder 2020 auch noch Bedarf an Importen aus Deutschland. Wenngleich Deutschlands Exporte 2020 insgesamt um circa 9 Prozent sanken, blieben sie nach China stabil.
Wert der deutschen Importe aus und Exporte nach China von 2010 bis 2024 (in Milliarden Euro)

Rückläufige Exporte nach China als neuer Trend
Wie die Statistik zeigt, war der deutsche Handel mit China von 1991 bis 2019 zumindest grob im Gleichgewicht. Es zeigt sich ebenfalls, dass der Wert jährlicher deutscher Exporte von 2010 (53,8 Milliarden Euro) bis 2022 (106,8 Milliarden Euro) um 100 Prozent gesteigert werden konnte. Seit 2023 jedoch sind rückläufige Exporte ein klarer Trend: 2023 sanken sie auf 97,3 Milliarden Euro, 2024 weiter auf 89,9 Milliarden Euro.
GTAI erwartet für 2025 einen weiteren Rückgang auf etwa 80 Milliarden Euro. Damit rutscht China als Absatzmarkt für Deutschland auf Platz sechs ab – noch vor wenigen Jahren lag es auf Platz zwei hinter den USA.
Die Ursachen für diesen Einbruch sind vielfältig. Einerseits haben deutsche Unternehmen ihre Geschäftsaktivitäten in China weitestgehend lokalisiert, d.h. produzieren in China für China. Andererseits fokussiert sich China zunehmend auf den lokalen Markt und ersetzt Importe durch eigene Produktion chinesischer Unternehmen.
Dies gelingt, da chinesische Unternehmen mittlerweile dazu in der Lage sind höherwertige und technisch komplexere Produkte selbst herzustellen und somit vielfach nicht mehr auf teurere Importe angewiesen sind. Aber auch die stark gesunkene lokale Nachfrage aufgrund der anhaltenden Wirtschaftsschwäche Chinas – insbesondere verursacht durch die massive Immobilienkrise – verstärkt diesen Trend.
Insofern ist davon auszugehen, dass sich das Exportvolumen von Deutschland nach China nachhaltig weiter verringern dürfte.
Erneuter Anstieg der Importe aus China erwartet
Die Importe aus China stiegen zwischen 2010 und 2022 kontinuierlich an, ehe sie 2023 deutlich zurückgingen. Ursächlich hierfür waren 2023 gefallene Importpreise nach dem Preisboom 2022, der schwache lokale Konsum in Deutschland und ganz besonders die Diversifizierungsstrategie der deutschen Industrie, die vermehrt von Lieferanten außerhalb Chinas bezogen hat. 2024 blieben sie mit 156,8 Milliarden Euro jedoch praktisch unverändert, sodass der Rückgang aus dem Jahr 2023 keine Trendwende markiert. Für 2025 erwartet GTAI einen erneuten Anstieg der Importe.
Grund für den wieder aufgelebten Trend steigender Importe aus China sind unter anderem die Umlenkungseffekte infolge des Handelskonflikts zwischen China und den USA. Während Chinas Exporte in die USA deutlich rückläufig sind, steigen die Ausfuhren nach Europa und insbesondere nach Deutschland wieder an. China bleibt Deutschlands mit Abstand wichtigstes Import-Herkunftsland.
Außenhandelsbilanz Deutschlands mit China nachhaltig in Schieflage
Bei Aufrechnung der Exporte Deutschlands nach China mit den Importen aus China nach Deutschland ergibt sich das in der nachfolgenden Tabelle dargestellte Bild. Erkennbar ist, dass Deutschland noch nie Exportüberschüsse mit China erwirtschaften konnte und sich das Defizit zu Lasten Deutschlands seit einigen Jahren oberhalb bzw. deutlich oberhalb von 20 Milliarden Euro bewegt. Dies ist sehr ungewöhnlich, denn Deutschland weist insgesamt immer einen deutlichen Außenhandelsüberschuss aus – 2024 in Höhe von ca. 243 Milliarden Euro.
Exportdefizite von mehr als 15 Milliarden Euro weist Deutschland in 2024 nur gegenüber China (-66,9 Milliarden Euro) und bedingt durch Gasimporte gegenüber Norwegen (-16,0 Milliarden Euro) aus. Zum Vergleich: Mit den USA hat Deutschland 2023 knapp 70 Milliarden Euro Überschuss erzielt, mit Frankreich 48 Milliarden Euro und mit Großbritannien 44 Milliarden Euro. Chinas Rolle ist also einzigartig für Deutschland.
Außenhandelsbilanz von Deutschland mit China (Differenz zwischen Exporten nach China und Importen aus China) von 1990 bis 2024 (in Milliarden Euro)

Zusammenfassend dürften die folgenden drei Gründe das bedenkliche Gesamtbild der deutschen Handelsbilanz mit China maßgeblich beeinflussen:
- Die Lokalisierung deutscher Unternehmen in China hat deutlich zugenommen. Das heißt: Deutsche Unternehmen entkoppeln ihre Wertschöpfungsketten und produzieren in China für China (und Asien), anstatt von Deutschland aus nach China zu exportieren. Das führt dazu, dass künftig weniger in Deutschland hergestellt wird. Die Folgen für die Zahl der Beschäftigten und den Arbeitsmarkt in Deutschland sind bislang nur in Ansätzen erkennbar, sollten aber langfristig nicht unterschätzt werden.
- Die Binnennachfrage in China ist eingebrochen und es gibt Anzeichen einer länger andauernden Flaute. Zudem führen die US-Zölle und weitere Handelsbeschränkungen der USA gegen chinesische Importe auch zum Einbruch der Exporte Chinas in die USA. Daher versuchen chinesische Konzerne ihre Überkapazitäten in andere Regionen zu exportieren. Bei dieser chinesischen Exportoffensive steht der europäische Absatzmarkt besonders im Fokus.
- Verstärkend kommt hinzu, dass die chinesische Wirtschaft mittlerweile in vielen Industrien marktbeherrschend ist. Chinesische Produkte weisen zudem ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis auf – nicht zuletzt wegen hoher Subventionen. China ist auch bei technischen Innovationen, etwa im Bereich der Elektrofahrzeuge, teils schon führend. Außerdem konnten sich manche chinesische Firmen Quasi-Monopolstellungen erarbeiten. Auf dem Weg zur Vormachtstellung wurden beispielsweise die Photovoltaikhersteller durch staatliche Subventionen unterstützt. Auch die Sicherung von seltenen Erden und jeglichen Grundstoffen im eigenen Land ist ein bedeutender Faktor, um den Auf- und Ausbau nationaler Industriezweige zu garantieren.
Doch was tun, damit sich die Schere in der Handelsbilanz nicht noch weiter öffnet?
Die EU und die deutsche Politik sind gefordert
Helfen Importzölle der EU, wie sie zuletzt beispielsweise hinsichtlich chinesischer Elektrofahrzeuge erlassen wurden? Und sollten Verbote ausländischer Technologien in der EU ausgeweitet werden auf weitere Industrien, wie beispielsweise das jüngste Verbot der 5G-Technologie chinesischer Hersteller in deutschen Telekommunikationsnetzen?
Die Antwort hierauf ist zu differenzieren.
Protektionistische Maßnahmen sind dort sinnvoll, wo es um kritische Infrastruktur geht und wo Abhängigkeiten bestehen oder drohen. Zudem können solche Maßnahmen notwendig sein um zukunftsträchtige Industrien bei ihrer Entwicklung sowie Kernindustrien bei ihrem Fortbestand vor unfairem Wettbewerb zu beschützen. Deutschlands Stärke fußt insbesondere auf dem stark vernetzten Ökosystem industrieller Wertschöpfungsketten in Deutschland und der EU. Dies zu bewahren ist zentrale Aufgabe.
Die chinesische Wirtschaft ist auf vielfältige Weise bevorteilt, so dass von fairem Wettbewerb und „level-playing field“ tatsächlich kaum die Rede sein kann: So erhalten chinesische Unternehmen vielfältige staatliche Förderungen und immer wieder prolongierte Darlehen zu Mini-Zinsen trotz zweifelhafter Zahlungsfähigkeit (sog. „evergreen loans“), haben – anders als die deutsche Wirtschaft – ungehinderten Zugang zu günstigen Rohstoffen und seltenen Erden, haben Wettbewerbsvorteile durch die staatlich gesteuerte starke Abwertung der chinesischen Währung Renminbi (RMB) gegenüber dem Euro – nach Analystenschätzungen zwischen 25 bis 40 Prozent – und ultragünstige Energiekosten von ca. einem Viertel der Kosten in Europa.
Andererseits sollte Kooperation progressiv angestrebt werden in Sektoren mit schlechten Wachstums- und Profitabilitäts-Aussichten und dort wo Wettbewerbsvorteile chinesischer Konzerne nicht mehr bzw. nur mit massiven Mitteln aufholbar wären. Zudem dort, wo die chinesische Wirtschaft führend in Forschung und Entwicklung (F&E) ist – was mittlerweile in mehr und mehr Sektoren der Fall ist aufgrund deren massiven und stetigen Investitionen in F&E.
Strategische Abgrenzung und gezielte Kooperation
Insofern muss die EU dringend definieren, in welchen Industrien Kooperationen gewollt sind und gefördert werden, aber auch jene festlegen in denen Importe, ausländische Investitionen und Kooperationen unerwünscht sind und daher eingeschränkt bzw. unterbunden werden sollen. Wichtig ist auch, dass dies transparent gemacht und China gegenüber klar kommuniziert wird. Auch China hat die Resilienz der eigenen Wirtschaft als zentrales Ziel im aktuellen und im kommenden 15. Fünfjahresplan für die Jahre 2026-2030 definiert, um die Abhängigkeit von externen Schocks zu reduzieren, die technologische Souveränität zu stärken und die nationale Sicherheit zu gewährleisten. Dies wird durch verstärkte Investitionen in heimische Innovation, die Stärkung von Lieferketten, Förderung des Binnenkonsums und technologische Eigenständigkeit in Schlüsselbereichen wie Halbleitern erreicht, um „selbst gefährlichen Stürmen standzuhalten“, so die offizielle Linie.
Wichtig wäre es auch, dass sich die europäische Wirtschaft das Erfolgsrezept des „Leapfrogging“ der chinesischen Wirtschaft zu eigen macht, also das Überspringen von Entwicklungsstufen, um direkt die neueste marktführendste Technologie zu erreichen. Die chinesische Wirtschaft hat uns das exemplarisch am Elektroauto vorgemacht.
Letztlich muss die deutsche Politik aber auch dringend daran weiterarbeiten die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Industriestandorts zu verbessern; für die lokale deutsche Wirtschaft, aber genauso auch für internationale Investoren. Hierzu zählen unter anderem die folgenden Aspekte:
- Senkung der Energiekosten auf das Niveau Chinas und der USA
- Steigerung der Investitionen in Zukunftstechnologien
- Steigerung der Investitionen in Bildung
- Kostensenkungen durch massive Digitalisierung, weniger Bürokratie/Regulation, mehr Pragmatismus, weniger Sozialstaat und geringere Steuern
- Mindset/Einstellung der Bevölkerung nachhaltig wieder ausrichten auf „deutsche Tugenden“: Fleiß, harte Arbeit, Engagement, Kreativität etc., um im Wettbewerb zu bestehen
- Bestehende Abhängigkeiten gezielt abbauen und keine neuen Abhängigkeiten entstehen lassen; dies gelingt durch Diversifizierung, Forschung an Ersatzmaterialien, Aufbau eigener Rohstoff-Förderung und Produktion in Europa sowie Recycling seltener Rohstoffe
- Viel progressivere Werbung für den Produktionsstandort Deutschland und dessen Standortvorteile
Klar ist: Die Zeichen für einen wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands, des ehemaligen Exportweltmeisters und der ökonomischen Lokomotive Europas, mehren sich. Deutschland bleibt im Krisenmodus. Klar ist indes auch: Der Abstieg ist nicht unausweichlich. Im Gegenteil. Gelingt es, an den richtigen Hebeln anzusetzen, ist ein Umschwung möglich – ein Umschwung, der längst nicht nur auf die Handelsbilanz mit China positive Effekte haben wird.