„Restoring America’s Maritime Dominance“: So lautet der Titel einer sogenannten Executive Order, ein Dekret von US-Präsident Donald Trump. In der Executive Order enthalten sind diverse Verfügungen, die nicht nur für den internationalen Güterverkehr folgenschwer sind. Geht es nach Trump, steht eine Zeitenwende an – auf den Weltmeeren, in den Häfen, entlang der gesamten maritimen Lieferkette. Deutsche Unternehmen sind unmittelbar betroffen. Monique Giese, Expertin für Transportwirtschaft, erläutert im Interview die Konsequenzen der Executive Order und gibt praxisrelevante Handlungsempfehlungen.
Frau Giese, kompakt vorab: Worum geht es in der Executive Order zur „Wiederherstellung der maritimen Dominanz“ der USA – und was war Ihre erste Reaktion beim Lesen?
Die Executive Order ist ein breitgefächertes industrie-, handels- und sicherheitspolitisches Maßnahmenpaket, mit dem die USA ihre maritime Wertschöpfungskette strategisch neu ausrichten wollen. Sie adressiert Schiffbau, Hafeninfrastruktur, Flottenzusammensetzung und den Zugang zum US-Markt gleichermaßen. Ich empfinde es als eine unmissverständliche Ansage: Die USA erklären Chinas maritime Dominanz zum Sicherheitsrisiko und antworten mit konkreten Eingriffen in Industrie, Handel und Markt. Europäische Akteure, die glauben, all das beträfe sie nicht, sollten genauer hinschauen. Die Executive Order zieht neue Marktgrenzen, und diese verlaufen nicht allein zwischen Washington und Peking.
Welche Zielsetzung der Executive Order ist aus Ihrer Sicht für internationale Marktteilnehmer – insbesondere in Europa – am bedeutendsten?
Am relevantesten ist nicht der Wiederaufbau amerikanischer Werften, sondern die Neugestaltung des US-Marktzugangs: Über Hafengebühren, Cargo-Preference-Regeln mit US-Flaggenquoten für staatlich finanzierte Transporte und Buy-American-Anforderungen entsteht ein Kostengefüge, das Flotten- und Routenentscheidungen direkt beeinflusst. Im Klartext: Wer auf chinesischer Tonnage operiert, also auf in China gebauten beziehungsweise chinesisch betriebenen Schiffen, zahlt künftig dafür. Je höher der Anteil chinesisch gebauter Tonnage in der Flotte, desto höher die Zusatzkosten pro Anlauf. Die neuen US-Hafengebühren steigen zudem bis April 2028 schrittweise weiter an. Die Reduktion der China-Abhängigkeit ist für die USA zwar das strukturelle Rückgrat der gesamten Executive Order, für europäische Unternehmen entsteht daraus aber ein doppeltes Dilemma: Auf chinesischer Tonnage zu operieren wird durch US-Hafengebühren teurer – der Umstieg auf nicht-chinesische Kapazitäten ist wiederum aufgrund der chinesischen Dominanz im Schiffbau kurzfristig kaum möglich.
Wie relevant sind in diesem Zusammenhang die laut Executive Order geplanten Änderungen bei Gebühren, darunter die sogenannte Harbor Maintenance Fee?
Die Harbor Maintenance Fee ist auf den ersten Blick eine Randnotiz, auf den zweiten ein echter Kostenhebel: Bislang konnten Transporteure die Gebühr, die für Hafendienstleistungen wie Umschlag, Lagerung und Liegezeit erhoben wird, legal umgehen, indem sie Ware per Schiff nach Kanada oder Mexiko brachten und anschließend über Land in die USA einführten. Die Executive Order schließt dieses Schlupfloch: Güter, die auf diesem Weg eingeführt werden, sollen künftig mit der Harbor Maintanence Fee zuzüglich eines zehnprozentigen Servicezuschlags belegt werden. Wer auf den betroffenen Routen unterwegs ist, zahlt künftig also mehr und wird etablierte Netzwerkstrukturen grundlegend neu zu bewerten haben.
Neben Transportunternehmen wie Reedereien betrifft die Executive Order auch Zulieferer. Welche Auswirkungen könnten neue oder ausgeweitete Zölle auf Krantechnik, Schiffskomponenten oder Hafeninfrastruktur haben?
Einerseits öffnet die explizite US-Abkehr von chinesischen Infrastrukturkomponenten theoretisch Marktchancen, denn laut dem Weißen Haus stammen aktuell beispielsweise 80 Prozent aller in US-Häfen betriebenen Ship-to-Shore-Kräne aus China. Andererseits machen bestehende Stahl- und Aluminiumzölle den Export in die USA für europäische Hersteller zunehmend unwirtschaftlich. Das besonders Paradoxe dabei: Statt die Abhängigkeit von China zu reduzieren, treibt dieses Maßnahmenpaket das US-Hafenmanagement mangels wettbewerbsfähiger Alternativen wahrscheinlich weiter in Richtung chinesischer Anbieter.
Auf die Vormachtstellung chinesischer Schiffbauer reagiert das Weiße Haus laut der Executive Order mit dem Ausbau von Subventionen für die heimischen Konkurrenten. Welche internationalen Effekte sind hier zu erwarten?
Die Executive Order weist die Erstellung eines „Maritime Action Plan“ an – und der sieht in der Tat eine historische Subventionswelle für den US-Schiffbau vor: vervierfachte Investitionen in nationale Werftförderprogramme, „maritime Wohlstandszonen“ mit niedrigen Steuersätzen und Kreditbürgschaften. Für europäische Werften entsteht daraus einmal mehr ein doppeltes Problem: Sie konkurrieren künftig nicht nur mit staatlich alimentierten chinesischen Kapazitäten, sondern auch mit massiv subventionierten US-Werften, deren Auftragslage durch die verschärften Cargo-Preference-Regeln gesichert wird. Für Europa ist das kein fernes Marktgeschehen, sondern ein direkter Eingriff in Auftragsbücher und Investitionsströme.
Das heißt: Es entstehen diverse neue Gefahren – und diese sind obendrein vielschichtig.
Die größten wirtschaftlichen Risiken für deutsche Unternehmen sind klar benennbar. Zunächst einmal gibt es die direkte Abgabenbelastung. Hafengebühren auf chinesisch gebaute Tonnage, verschärfte Harbor Maintenance Fee und steigende Zölle auf maritime Komponenten erhöhen die operative Kostenbasis unmittelbar und strukturell. Zweitens steigt der Compliance-Druck: Eigentümerstrukturen müssen transparent gemacht, chinesische Beteiligungen lückenlos geprüft und US-Sanktionsanforderungen erfüllt werden. Verstöße können zu Geldbußen, Reputationsschäden oder dem Ausschluss aus dem US-Geschäft führen. Und drittens, eher mittelbar, ist die Executive Order ein weiterer Einflussfaktor auf die Planungssicherheit: Laut unserer jüngsten Geschäftsklimaumfrage nennen bereits jetzt 69 Prozent der deutschen Unternehmen im US-Geschäft die Unvorhersehbarkeit der dortigen Politik als größte Herausforderung. Wechselnde Zollankündigungen und sich ändernde Rechtsgrundlagen machen langfristige Investitionsentscheidungen kaum möglich. Alle drei Risiken eint eines: Sie sind keine Übergangsphänomene, sondern strukturelle Merkmale einer neuen handelspolitischen Realität.
Welche Rolle spielen angesichts dieser Gemengelage die in der Executive Order angekündigten Verschärfungen von Export‑ und Importkontrollen entlang der maritimen Lieferkette – und wie sollten Unternehmen hierauf praktisch reagieren?
US‑Exportkontrollen wirken extraterritorial – sie gelten nicht nur für amerikanische Unternehmen, sondern für jeden, der US‑Komponenten, US‑Technologie oder US‑Kapital in seiner Lieferkette hat. Für deutsche Unternehmen ist eine systematische Analyse der gesamten Lieferkette ratsam, um US‑Exportkontrollanteile und chinesische Beteiligungen transparent zu machen. Daran anschließend sollte eine Prüfung aller Geschäftspartner stattfinden: Stehen manche Firmen womöglich auf Sanktionslisten? Unerlässlich sind schlussendlich revisionssicherere Compliance‑Prozesse, denn US‑Behörden prüfen nicht nur, was entschieden wurde, sondern wie und auf Basis welcher Daten.
Maritime Wettbewerbsfähigkeit steht indes bei der EU ebenfalls im Fokus. Unter anderem mit Green-Deal-Maßnahmen oder Förderstrategien für alternative Antriebe soll der Standort gestärkt werden. Wie ist dieser Ansatz im Vergleich zur Executive Order einzuordnen?
Europa und die USA setzen auf maritime Stärkung durch unterschiedliche Logiken: Washington durch Kapazitätsaufbau und Marktschutz, Brüssel durch Dekarbonisierung und Technologieführerschaft. Das schafft zunächst einmal strukturelle Spannungen, birgt aber auch eine Chance: Wer heute in Europa in alternative Antriebe und saubere Kraftstoffe investiert, um die EU-Verordnung „FuelEU Maritime“ zu erfüllen, die seit 2025 verbindliche Grenzwerte für die Treibhausgas-Intensität der Bordenergie setzt, baut zugleich einen Technologievorsprung auf, der mittelfristig auch auf dem US-Markt zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal werden könnte.
Gibt es gerade diesbezüglich auch neue Chancen für deutsche Unternehmen? In der Executive Order ist von „Partnerländern“ die Rede, für die Marktöffnungen anstehen könnten.
Absolut. Auffällig ist zunächst einmal, dass die USA ausdrücklich festhalten, dass sie Partner für die maritime Agenda wünschen. Technologieführerschaft bei alternativen Antrieben, digitaler Hafeninfrastruktur oder Schiffskomponenten dürfte im US-Markt zunehmend gefragt sein – und deutsche Unternehmen sind in diesen Bereichen erfolgreich.
In welchen Bereichen der Wertschöpfungskette sehen Sie die realistischsten Wachstumsoptionen?
Das Zeitfenster für schnelle Marktpositionierung ist bei Hafentechnologie und digitaler Infrastruktur am weitesten offen. Die modernen Hafensysteme bieten tatsächlich Marktchancen, vorausgesetzt europäische Anbieter sind schnell genug. Die Wachstumsoptionen sind real, aber man sollte sie auch nicht überschätzen. Bei alternativen Antrieben, konkret Ammoniak und Methanol für Hochseeschiffe, haben europäische Hersteller einen technologischen Vorsprung, aber zunächst braucht es mal eine US-Nachfrage nach diesen Technologien.
In der Executive Order geht es außerdem auch um Flottenstrukturen. Steht eine Neuordnung auf den Meeren an – und wenn ja, können deutsche Marktteilnehmer davon profitieren?
Vorab: Die Executive Order zielt in der Tat darauf ab, globale Flottenstrukturen aktiv umzugestalten. Schiffe unter chinesischer Kontrolle oder mit chinesischer Technologie sollen aus dem US-Markt verdrängt werden, während gleichzeitig der Aufbau einer neuen US-Handelsflotte angestoßen wird. Das schafft Chancen für deutsche Akteure: Operativ profitiert, wer heute Kapazitäten auf Routen anbieten kann, die durch die Neuordnung entstehen. Technologisch öffnet der „Maritime Action Plan“ Türen: Er fordert explizit Investitionen in Werftautomatisierung, digitale Schiffstechnologien und Antriebssysteme, also Bereiche, in denen deutsche Zulieferer international konkurrenzfähig sind.
Welche unmittelbaren Schritte sollten deutsche Branchenvertreter der maritimen Wirtschaft jetzt einleiten, um sich auf die Umwälzungen einzustellen, die die USA mit dem Dekret in Gang setzen?
Ich halte fünf Schritte für erforderlich. Erstens ein Flotten‑ und Lieferkettenaudit, um die China‑Exposition zu quantifizieren. Zweitens den Aufbau belastbarer Compliance‑Strukturen. Drittens eine Anpassung der Kostenkalkulation, da die US‑Hafengebühren bis April 2028 weiter steigen. Viertens Investitionen als Doppelstrategie zu begreifen: Regulierung erfüllen und zugleich US-Marktfähigkeit aufbauen. Und fünftens Sichtbarkeit in Washington aufzubauen: Die Executive Order lädt alliierte Partner explizit ein. Wer deutsche Technologiestärken jetzt platziert, sitzt am Tisch, wenn Aufträge vergeben werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
International Business im Fokus:
Die wichtigsten Fragen und Antworten zum EU-Handelsabkommen mit Indien
Umfrage lässt aufhorchen: So bewerten internationale Investoren den Standort Deutschland