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Klimawandel, Corona, ESG: Firmen bewerten Fertigungsstandorte neu

Viele bevorzugten bislang niedrige Löhne und Steuern ferner Länder. Das ändert sich jetzt.

Keyfacts

  • Corona und Klimawandel zeigen, wie störanfällig lange und komplexe Lieferketten sind.
  • Viele Unternehmen bewerten die Standorte ihrer Produktion neu und ziehen andere Standortfaktoren hinzu.
  • Stakeholder fordern, dass bei der Standortwahl ökologische und soziale Kriterien eine Rolle spielen.
Studie "Where to manufacture?" herunterladen
Kaveh Taghizadeh
  • Partner Consulting
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Günstig ist gut. So lautete bisher oft die unternehmerische Devise bei der Suche nach einem geeigneten Standort für die Produktion. Da schien es auch wenig problematisch, wenn dieser auf der anderen Seite der Erde liegt. Doch das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Gespräche mit unseren Kunden zeigen, dass viele Fertigungsunternehmen aktuell ihre Wertschöpfungsnetzwerke und Standorte neu bewerten und andere Faktoren einbeziehen. Zwar werden sie Produktionsstandorte und Betriebe nicht von heute auf morgen aufgeben, aber die Standortanalyse wird komplexer. Und das ist richtig so. Denn jüngste Entwicklungen und Ereignisse führen uns eindrücklich vor Augen, wie störanfällig lange und komplexen Lieferketten sind.

Dazu gehört zum Beispiel die Corona-Pandemie. Ein zunächst noch weit entferntes Virus führte Anfang 2020 schnurstracks zu leeren Regalen bei uns. Hier wurde klar: Fallen Arbeitskräfte am Standort der Fertigung aus, steht schnell die gesamte Produktion still. Auch in Zukunft sind medizinische Herausforderungen von globalem Ausmaß nicht ausgeschlossen. Die Qualität des Gesundheitssystems vor Ort könnte also künftig auch ein Standortfaktor sein, der beeinflusst, wie und ob Arbeitskräfte in Betrieben verfügbar sind.

Naturkatastrophen werden weiter zunehmen

Auch andere Ereignisse mit globalen Auswirkungen zeigen, wie störanfällig komplexe Lieferketten sein können. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum Beispiel, Waldbrände wie in den USA sowie Überflutungen wie in Asien werden durch den Klimawandel weiter zunehmen – und haben das Potenzial, Prozesse in der Fertigung und Logistik massiv zu beeinträchtigen.

Nicht zuletzt als Folge daraus spielen ESG-Anforderungen als Faktor für Unternehmen eine zunehmend wichtige Rolle – und beeinflussen ebenfalls die Standortwahl. So zeigt der jüngste Bericht des Weltklimarates (IPCC): Der Klimawandel ist real und entschiedenes Handeln längst überfällig. Entsprechend fordern auch Stakeholder wie Kunden und Investoren zunehmend, dass Unternehmen ihre ökologische und soziale Verantwortung wahrnehmen.

Niedriglohnländer als Standort sind nicht günstiger

Kurz gesagt: Corona, der Klimawandel und steigende ESG-Anforderungen werden als wichtige Faktoren die Wahl des Standorts bzw. den Vergleich von Standorten künftig beeinflussen. Doch natürlich ist auch die Kostenfrage weiterhin relevant, um auch künftig wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei sind übrigens die Niedriglohnländer nicht unbedingt im Vorteil, wie unsere neue globale Studie „Where to manufacture“ zeigt. Sie bewertet neben Löhnen, Mieten und Steuern das gesamte unternehmerische Umfeld, wie zum Beispiel Infrastruktur oder Know-how, als Standortfaktoren. Das interessante Ergebnis: Die Niedriglohnländer landen bei Betrachtung aller Kosten sogar auf den Schlussplätzen.

Doch was bedeutet all dies konkret für die Standorte produzierender Unternehmen? Eine Standardlösung für den richtigen Standort gibt es nicht. Und natürlich kommt es auf einzelne Branchen an, wieviel Know-how, welche Infrastruktur und wirtschaftlichen Bedingungen Unternehmen vor Ort brauchen. Dennoch, drei klare Tendenzen hinsichtlich Standortfaktoren und Standortwahl lassen sich erkennen:

Erstens: Lieferwege kurz halten

Umso weiter Lieferanten bzw. Produktionsstandorte von Zielmärkten entfernt sind, desto höher ist das Risiko versperrter Transportwege. Bestes Beispiel hierfür ist neben den genannten Naturkatastrophen das Frachtschiff Ever Given, das den Suezkanal tagelang blockierte. Dadurch wird relative Nähe zu einem relevanten Standortfaktor. Durch kürzere Wege ließen sich auch Zeit und CO2-Emissionen und somit Kosten einsparen. Immerhin treibt die EU im Rahmen des Green Deals einen CO2-Grenzausgleich voran, der Importe entsprechend ihres CO2-Fußabdrucks mit Abgaben belegt.

Zweitens: Nicht nur auf einen Standort setzen

Klar, Unternehmen, die sich auf einen Ort bzw. eine Region beschränken, profitieren von Synergieeffekten. Doch riskieren sie auch, alles auf einmal zu verlieren. Denn wer beispielsweise kritische Bauteile zentral fertigen lässt, könnte im Ernstfall eine ganze Produktionslinie zum Stillstand bringen. Künftig werden produzierende Unternehmen daher verstärkt darauf achten, nicht alles auf eine Karte zu setzen – und die Risiken zu diversifizieren. Denn umso verzweigter das Produktionsnetzwerk mit verschiedenen Standorten, desto höher die Chance, lokalen Herausforderungen zu entgehen.

Drittens: ESG-Fragen stärker berücksichtigen

In sogenannten Niedriglohnländern sind Kriterien der Nachhaltigkeit ohne Frage meist problematisch. Unternehmen werden sich künftig also besser als bisher überlegen, ob die Produktion dort tatsächlich auch unternehmerisch sinnvoll ist. Nicht zuletzt setzt auch die Politik deutschen Unternehmen mit dem Lieferkettengesetz das Thema ganz oben auf die Agenda.

Wie eingangs erwähnt: Wir sehen, dass Entscheider diese Faktoren verstärkt im Unternehmen diskutieren. Sie stellen Standorte auf den Prüfstand, suchen neue Standorte und passen ihre Strategie hinsichtlich der Standortwahl an, etwa in Bezug auf Fragen von Nähe (auch zum Markt, also den Kunden), Angebot, Arbeitskräften und weichen Faktoren. Wie sehr sich Lieferketten auf Basis von Standortanalysen langfristig jedoch tatsächlich verändern, das wird sich erst noch zeigen müssen.

Kaveh Taghizadeh
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