Warum Infrastruktur zum neuen Wettbewerbsvorteil wird

Warum Infrastruktur zum neuen Wettbewerbsvorteil wird

Unternehmen werden verwundbarer und machen Infrastruktur deshalb zum Kern ihrer Strategie.

Keyfacts:

    • Infrastruktur ist heute ein integraler Bestandteil von Geschäftsmodellen, weil Ausfälle direkt zu Produktionsstopps, Umsatzverlusten und Vertrauensschäden führen.
    • Unternehmen entwickeln zunehmend eigene Energie-, Daten- und Logistikstrukturen, um Risiken zu kontrollieren und resiliente Wertschöpfung zu sichern.
    • Digitale Infrastruktur wird in den nächsten zehn Jahren zum entscheidenden Faktor – sie skaliert KI, Automatisierung und Lieferketten und ist untrennbar mit einer verlässlichen Energieversorgung verbunden.

Infrastruktur war lange eine staatliche Grundaufgabe. Doch in einer Wirtschaft, die immer stärker von Energie, Daten und Logistik abhängt, wird sie für Unternehmen zum strategischen Erfolgsfaktor. Wer eigene Strukturen aufbaut und Risiken transparent macht, gewinnt Resilienz und kreiert neue Marktchancen. Unser Head of Transport & Infrastructure, Dr. Steffen Wagner, erläutert im Interview, worauf es dabei ankommt.

Infrastruktur wurde lange als staatliche Aufgabe verstanden. Warum wird sie heute zu einem echten Wettbewerbsfaktor für Unternehmen?

Infrastruktur ist längst mehr als Straßen, Netze und Stromleitungen. Sie ist ein integraler Bestandteil moderner Geschäftsmodelle. Unternehmen sind heute extrem vernetzt, energieintensiv, datengetrieben und dadurch entsprechend anfällig. Das sieht man sehr deutlich: Mit jeder Stufe des wirtschaftlichen Wachstums steigen auch die Logistikströme und die Abhängigkeit von funktionierenden Netzen.

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Ein gutes Beispiel ist die Covid-19-Pandemie. Viele Geschäftsmodelle sind damals zusammengebrochen, weil infrastrukturelle Voraussetzungen – ob Energie, Lieferketten oder digitale Netze – nicht stabil genug waren. Dazu kommt, dass die Regulatorik immer komplexer wird. Unternehmen müssen viel stärker darauf achten, dass alles regelkonform ist. Das geht bis hin zu EU-Vorgaben für Ausschreibungen. Infrastruktur ist kein externer Faktor mehr. Sie ist schon längst Teil des Geschäftsmodells.

Immer mehr Unternehmen bauen deshalb eigene Infrastruktur auf – auf was sollten Sie dabei achten?

Wir sehen vor allem einen Trend: Unternehmen werden vom Nutzer zum Gestalter. Einige Konzerne machen das bereits im großen Stil. Ein Versandhändler besitzt eigene Flugzeuge, eigene Zustellerstrukturen und inzwischen sogar eigene Schiffe. Ein Lebensmittelhändler hat dasselbe in der Logistik gemacht und investiert jetzt massiv in Energie- und Dateninfrastrukturen. Das steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber die Richtung ist eindeutig. Unternehmen wollen kritische Teile der Wertschöpfungskette selbst kontrollieren, weil sie das Risiko besser managen können. Derzeit entwickeln Unternehmen dafür erste Kennzahlen, etwa Return-on-Invest-Konzepte speziell für Resilienzmaßnahmen. Das ist ein völlig neuer Bereich. Die Auswirkungen dieser Investitionen werden zunehmend quantifizierbar gemacht.

In unserem Infrastruktur-Monitor wird die Bedeutung von datengestützten Analysen betont. Warum tun sich Unternehmen noch so schwer, ihre Schwachstellen wirklich zu verstehen?

Es fehlt an Transparenz. Viele Unternehmen wissen nicht genau, wie abhängig sie von bestimmten Infrastrukturen sind. Sei es von Zulieferern oder von öffentlichen Netzen wie Strom oder Mobilität. Hinzu kommt, dass die Quantifizierung solcher Risiken komplex ist. Unternehmen stellen sich oft erst dann die richtigen Fragen, wenn etwas passiert ist. Deswegen brauchen Organisationen klarere Zuständigkeiten, bessere Einsichten in Daten und vor allem ein strukturierteres Vorgehen, bei dem diese Fragen im Vordergrund stehen sollten: Welche Infrastrukturkomponenten sind kritisch? Welche Szenarien müssen wir simulieren? Welche Investitionen sind angemessen im Verhältnis zum Risiko?

Wo sollte ein Unternehmen beginnen, wenn es seine Infrastruktur widerstandsfähiger machen will?

Es beginnt immer mit klaren Verantwortlichkeiten. Infrastrukturthemen sind oft über viele Bereiche verteilt – Produktion, IT, Beschaffung, Facility Management. Das funktioniert meiner Meinung so nicht. Ich rate dazu, zu analysieren, wie verwundbar man ist, wie stark die Prozesse von den unterschiedlichen Infrastrukturen abhängen. Auch Stresstests sind eine gute Möglichkeit, denn diese machen offensichtlich, was passiert, wenn bestimmte Daten nicht verfügbar sind und welche Folgen es hat, wenn zentrale Produktionslinien ausfallen. Solche Simulationen sind sehr aufschlussreich. Nach Analyse der Tests sollte priorisiert werden, was für das Geschäftsmodell so zentral ist, dass es unbedingt stabil sein sollte. Außerdem sollten Unternehmen immer wissen, wie es um Vorräte, Backup-Systeme und Lieferantenstrukturen bestellt ist. Danach können dann konkrete Maßnahmen abgeleitet werden. Von Notfallprozessen bis hin zur Frage, ob und wie man Energie selbst erzeugen kann.

Welche Chancen ergeben sich, wenn Unternehmen eigene Infrastrukturen aufbauen?

Wenn ein Unternehmen seine eigenen Risiken transparent macht und verringert, wird es zu einem verlässlicheren Partner –  ein echter Wettbewerbsvorteil. Wer sich eigene Infrastrukturen aufbaut, kann daraus neue Geschäftsmodelle entwickeln. Auch hier hilft der Blick auf die Praxis. Ein großes amerikanisches Unternehmen hat eine Cloud zunächst für interne Zwecke entwickelt. Inzwischen ist daraus ein Geschäftsmodell geworden und die Firma verkauft Cloudspeicher an ihre Kunden. Ähnliches ist auch im Verkehrsbereich möglich. Unternehmen, die zum Beispiel Ladeparks für eigene E-LKW bauen, können diese auch an externe Kunden verkaufen. Oder sie entwickeln Logistik-Services, die später ebenfalls vermarktet werden können.

Was unterscheidet gute von schlechten Infrastrukturinvestitionen?

Gute Infrastrukturinvestitionen reduzieren Risiken und sind strategisch eingebettet. Sie sind modular, skalierbar und können an zukünftige technologische Entwicklungen angepasst werden. Man sollte nie zu stark auf eine einzelne Technologie setzen. Flexibilität ist entscheidend. Und es braucht klare Verantwortlichkeiten und eine Governance, die das Thema dauerhaft im Blick behält. Schlechte Investitionen sind solche, die nur eine aktuelle Regulatorik erfüllen oder rein reaktiv sind. Solche Projekte überleben den nächsten Technologiesprung meist nicht.

Unternehmen müssen oft entscheiden: selbst investieren oder mit anderen Unternehmen kooperieren. Wie trifft man die richtige Wahl?

Alles, was absolut essenziell für das Kerngeschäft ist, sollte man selbst kontrollieren. Je weiter man sich von diesem Kern entfernt, desto sinnvoller werden Kooperationen. Für sehr kapitalintensive Vorhaben – etwa große Offshore-Windparks – sind Kooperationen oft das Mittel der Wahl.

Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre schauen: Welche Infrastrukturart wird für Unternehmen am entscheidendsten sein?

Mit großem Abstand: die digitale Infrastruktur. Sie ist der Multiplikator für alles andere. KI-Anwendungen, Automatisierung, vernetzte Lieferketten – all das funktioniert nur mit einer extrem leistungsfähigen digitalen Basis. Gleichzeitig hängt das untrennbar mit der Energieinfrastruktur zusammen. Ohne verlässliche, nachhaltige Energieversorgung gibt es keine digitale Weiterentwicklung. Die Verkehrsinfrastruktur bleibt wichtig, aber ihre Grundstrukturen sind seit Jahrzehnten gelegt. Der große Hebel liegt eindeutig im Digitalen und in Energie als dessen Rückgrat.

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