4 Fragen und Antworten zum Decoupling

Über die Risiken der technologischen Entkopplung

Keyfacts

  • China und die USA drohen damit, die technologischen Standards des anderen nicht zu akzeptieren.
  • Dabei drohen auch Sanktionen für Unternehmen, die mit beiden Ländern handeln wollen.
  • Das Decoupling ist volkswirtschaftlich noch gefährlicher als Zollkriege.
Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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In der Geschichte der Erfindungen gibt es selten nur einen Weg zum Ziel. Nehmen wir das Beispiel Elektrizität: Strom kann als Wechselstrom oder Gleichstrom fließen. Wie unterschiedlich wiederum Stecker sein können, weiß jeder, der viel reist. Jede Erfindung definiert also ihren Standard. Je enger dabei die Welt durch die Globalisierung verzahnt wurde, desto wichtiger wurde es, sich weltweit auf einen Standard zu einigen. Bei Schiffscontainern sehen wir, wie erfolgreich das sein kann. Die Normung der Container hat den internationalen Handel enorm vereinfacht und die Globalisierung erheblich vorangetrieben.

Was ist das Decoupling?

Nun geht es darum, sich auf einen Standard für wegweisende neue Technologien zu einigen. Die Standardisierung hat dabei sowohl eine technische als auch eine regulatorische Komponente. Was wir dabei sehen ist, dass mit China und den USA, zwei Länder, die den technologischen Fortschritt der Welt bestimmen, die Standardisierung als politisches Druckmittel einsetzen. Die Gefahr ist eine technologische Entkopplung, das sogenannte Decoupling.

Derzeit wird über ein Decoupling technologischer Standards vor allem in den Bereichen Computerprozessoren/Halbleiter, Cloud-Nutzung und dem Telekommunikationsstandard 5G diskutiert – also primär bei allen zukunftsgerichteten datengetriebenen digitalen Technologien. Denkbar ist aber auch, dass dies in Zukunft vielfältige bislang global genutzte allgemein gültige Normen umfassen könnte.

Welche Gefahr birgt das Decoupling?

Unterschiedliche Standards sind in diesen sensiblen Bereichen viel gravierender als unterschiedliche Steckdosen. Daraus könnten Technologiebrüche resultieren, d.h. die Separierung bislang vernetzter, interagierender, globaler Systeme über Ländergrenzen hinaus. Separierung ist in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit Abschottung.

Während beim Stromstecker oder Dateiformaten wie mp3 technische und wirtschaftliche Gründe über den dominanten Standard bestimmten, drohen hier politische Entscheidungen, die dann die Nutzung der jeweils anderen Technologie und Standards in heimischen Märkten explizit verbieten. Für Unternehmen, die global produzieren und vertreiben, heißt dies: Einstellung auf zwei sets of standards und das nicht nur einmalig, sondern auch hinsichtlich deren Forschung und Weiterentwicklung.

Für die stark global-orientierten deutschen Unternehmen ist das der worst case. Das Decoupling führt entweder zu massiv höheren Kosten bei gleichzeitigem Verlust an Flexibilität mit Blick auf die Lieferketten und Produktionsstandorte. Oder es führt zur Aufgabe einer der beiden Standards und damit zum Rückzug aus den USA oder China, die für deutsche Unternehmen bedeutendsten Märkte. Zudem müssten deutsche Unternehmen sicherstellen, dass für den chinesischen Markt keine US-Technik verarbeitet ist und umgekehrt. Das ist ein nahezu unmögliches Unterfangen.

Hinzu kommt, dass damit zu rechnen ist, dass bei Fortschreiten des Decouplings Fehlverhalten zukünftig strafbewehrt sein wird. Das heißt, die Nutzung von US-Technik in China (und umgekehrt) würde sanktioniert – von Strafgeldern, über persönliche Haftung der dortigen Geschäftsführer bis hin zum Ausschluss der Unternehmen aus dem Markt. Volkswirtschaftlich gesehen, wäre das alles ein Desaster.

Wo stehen wir derzeit beim Decoupling?

  • Aktuell wird um den Telekommunikationsstandard 5G gerungen. Huawei ist für 5G ein wichtiger Anbieter, doch die USA versuchen den chinesischen Konzern auszugrenzen. Dabei stehen auch Drittstaaten, vor allem EU-Länder, unter Druck, nationale Gesetze in die eine oder andere Richtung zu erlassen. Großbritannien hat Huawei-Technik beim Aufbau des dortigen 5G-Netzes jüngst verboten.
  • Ein weiterer Fokus liegt auf der Halbleiterindustrie. So hat das US-Handelsministerium im Mai eine Regelung erlassen, die die Zusammenarbeit der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) mit Huawei einschränken soll. Die Regelung ist allerdings noch nicht in Kraft getreten.
  • Ebenfalls im Mai hat das US-Handelsministerium 33 chinesische Organisationen und Personen benannt, die wegen vermeintlich militärischer Verwendung keine Technik erwerben dürfen, die aus den USA stammt.
  • Das Verbot von Apps wie TikTok wird diskutiert.
  • Auch auf akademischer Ebene wird der Konflikt ausgetragen. Chinesische Studenten und Forscher erhalten zu vermeintlich sensiblen Bereichen wie etwa der KI-Forschung nur noch eingeschränkten Zutritt. Plänen zufolge könnte chinesischen Studenten und Forschern der MINT-Fächer der Visa-Zugang erschwert werden.

Meines Erachtens sehen wir bislang nur die ersten Ansätze des Decouplings.

Doch von wem geht das Decoupling aus und was ist Ursache des Decoupling?

China hat sich zum Ziel gesetzt, global die technologische Führerschaft von der westlichen Welt und insbesondere den USA zu übernehmen. Um dies zu erreichen, ist Abschottung und Decoupling für China eigentlich kein geeignetes Mittel, denn China würde sich hierdurch selbst den westlichen Markt verschließen.

Aus chinesischer Sicht ist es viel erfolgversprechender, konsequent den eingeschlagenen Weg der Investitionen in Forschung und Entwicklung fortzusetzen und die fundamentalen Wettbewerbsvorteile zu nutzen: Mit 1,4 Milliarden Einwohnern, einer staatlich gesteuerten dynamischen Digitalisierungsstrategie und keiner Begrenzung durch Datenschutzvorschriften kann China viel schneller und effizienter F&E betreiben, als dies der westlichen Welt möglich ist. Und China hat in den letzten Jahren bereits gezeigt, wie schnell es dem Land gelingt, neue innovative Technologien zu entwickeln und umzusetzen.

Nach den weiter schwelenden Zollkonflikten ist das Decoupling vielmehr ein weiterer Versuch der USA das Vordringen der Wirtschaftsmacht China zu bremsen. Und erneut werden deutsche Unternehmen in deren Strudel geraten. Aber anders als bei Zöllen lassen sich einmal etablierte technologische Standards nicht so schnell wieder abschaffen. Daher weist das Decoupling auch ein viel größeres Gefahrenpotential für die Weltwirtschaft auf als Zollkriege. Wenn auf diesem Weg fortgeschritten wird, gibt es nur Verlierer und droht auf lange Zeit ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden.

Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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