China oder die USA: Keine Wahl

Deutsche Unternehmen können und sollten auf China nicht verzichten

Keyfacts

  • China ist der wichtigste Import- und drittwichtigste Exportmarkt für deutsche Unternehmen.
  • Der Handelsstreit zwischen China und den USA wird zu einer realen Belastung.
  • Deutsche Unternehmen sollten sich auf auseinanderdriftende Standards einstellen.
Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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Wenn es ein Naturgesetz gibt, dann dass der Stärkere und Schnellere den Schwächeren und Langsameren verdrängt. Wie kann der Langsamere das verhindern? 1. Indem er selbst schneller wird. Das erfordert allerdings viel Veränderungsbereitschaft und Innovationskraft. 2. Indem er den Schnelleren ausbremst. Das ist der vermeintlich leichtere Weg. Es ist allerdings auch der Weg, bei dem am wenigsten Strecke zurückgelegt wird. Oder um es mit Blick auf die Wirtschaftsleistung zu sagen: Dieser Weg sorgt in der Summe für geringeren Wohlstand.

Sie ahnen, dass ich auf die USA und China anspiele.

Blicken wir zunächst auf die Ausgangslage bzw. die Geschwindigkeit der beiden Protagonisten.

Wirtschaftswachstum in den USA und in China. Quelle: IWF 

Die Wirtschaft Chinas ist von 2010 bis 2019 um 133 % gewachsen, das BIP der USA um 43 %. Aller Voraussicht nach wird die Wachstumsrate in China auch nach Corona höher liegen als in den USA. Es ist also nur eine Frage weniger Jahre, bis Chinas Wirtschaft nominell größer ist als die der USA – obgleich natürlich bei einer 4,2-fach größeren Bevölkerung. Nach Kaufkraftparität hat China bereits die USA überholt.

Zurück zu historischer Größe

China rückt in diesen Jahrzehnten zurück an eine historische Stelle, die es schon viele Jahrhunderte in der Weltgeschichte innehatte. Die handelstechnische, politische und militärische Unterlegenheit des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich in den Opiumkriegen und dem Boxeraufstand manifestierte, ist weitgehend überwunden und wird damit zur weltgeschichtlichen Anomalie.

Der Aufstieg in den vergangenen 30-40 Jahren gelang vor allem mittels hoher Export-Orientierung bei gleichzeitigem relativem Schutz der heimischen Industrie vor ausländischem Wettbewerb. Nichts, was nicht andere Staaten zuvor und später probiert hätten. Doch China hatte damit wohl auch dank seiner sehr zentralistischen Politik Erfolg. Das Auflegen von Fünfjahresplänen scheint dabei nach wie vor ein wesentlicher Treiber. Statt konkreter Produktionsmengen stecken sie den wirtschaftspolitischen Rahmen mit qualitativ gefassten Zielen. Um diese zu erreichen, wird durchaus innovative unternehmerische Freiheit gewährt.

Entfesselte Innovationskraft

Der dirigistische Rahmen trifft auf eine hohe Arbeitsdisziplin und ein starkes Aufstiegsstreben der Bevölkerung. Der außerordentliche Einsatz trägt in der Realität den Code 9-9-6: Arbeiten von 9 bis 21 Uhr an sechs Tagen in der Woche. Zwar gilt die 40-Stunden-Woche, doch erst Überstunden bringen individuellen Wohlstand.

China hat sich damit vom Low-Cost-Produktionsstandort zum High-Tech-Standort entwickelt. Über die kommenden Jahre strebt China in vielen Bereichen die Innovationsführerschaft an. Festgehalten ist dies in der Strategie „Made in China 2025“. Darin werden mehrere Schlüsselindustrien wie Robotertechnologie, Werkstoffe, Biomedizin, Elektromobilität sowie Informations- und Kommunikationstechnologien genannt, in denen China bis 2025 weltführend sein möchte. Ein realistisches Unterfangen. Wie unsere Umfrage „German Business in China“ zeigte, schätzen 47 % der befragten deutschen Unternehmen die Wahrscheinlichkeit als mindestens hoch ein, dass ein chinesischer Wettbewerber Innovationsführer in der eigenen Industrie wird.

Rückzug ist keine Option

Deutsche Unternehmen können daher nicht auf den chinesischen Markt verzichten. Ein Rückzug ist keine Option. Im Gegenteil: China ist als Produktionsstandort und als Absatzmarkt zu bedeutend. Zudem wird China mit seiner enormen Innovationskraft zunehmend zum Zukunftsland. Wer sehen will, was ihn auf den Märkten der westlichen Welt jeweils in einigen Monaten oder Jahren erwartet, muss nur nach China schauen.

Deutschlands wichtigste Export- und Importländer. Quelle: Destatis

Doch all das hängt auch von den USA ab. Die Frage ist, ob der Handelsdisput zwischen den USA und China primär dazu dient, ein „level playing field“ zu erzielen, also gleichen Marktzugang für alle Seiten, oder ob aktiv das weitere Wachstum Chinas verhindert werden soll. Durch die extraterritoriale Rechtsprechung der USA sind auch deutsche Unternehmen daran gebunden, etwaige Sanktionen und Handelsbeschränkungen mitzutragen. Wenn sie auch keine Strafen riskieren, dann doch zumindest den Marktzugang in den USA. Zwar wird die relative Bedeutung der USA im Vergleich zu China abnehmen, aber dennoch für deutsche Unternehmen einer der wichtigsten Exportmärkte bleiben.

Daher gilt, dass sich deutsche Unternehmen auf beide Weltmächte ausrichten sollten. Das heißt allerdings auch auf zwei politische Systeme und auf zwei auseinanderdriftende Standards.

Die Implikationen eines möglichen Decouplings werde ich in einem weiteren Blog näher betrachten.

Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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